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Chronologie der Ereignisse in Chiapas und Oaxaca 1821-2009

Zeitleiste der Ereignisse in Mexiko mit Schwerpunkt Chiapas und Oaxaca. Die Zeitleiste beginnt 1821 mit der Unabhängigkeit Mexikos reicht bis ins Jahr 2009 und wird in Abständen aktualisiert.

1800-1994
Cronostart1821
 Mexiko gewinnt seine Unabhängigkeit
Cronostart1823
 Unter dem Motto: »Besser der Schwanz eines Löwen als der Kopf einer Maus«, beschließt die Elite von Chiapas die Region von Guatemala zu trennen und Mexiko anzuschließen. Die vorwiegend indigene Bevölkerung wird hierzu nicht konsultiert.
Cronostart1861-1867
 Französische Intervention – als Mexiko die Zahlungen der Auslandsschulden aussetzt – endet mit der Niederlage und Exekution Maximilians von Habsburg.
Cronostart1867-1872
 Präsident Benito Juarez.
Cronostart1876-1911
 Amtszeit/Diktatur von Präsident Porfirio Diaz. Intensive Förderung ausländischer Investitionen.
Cronostart1910-1920
 Mexikanische Revolution.
Cronostart10.04.1919
 Ermordung Emiliano Zapatas.
Cronostart1929
 Gründung der Nationalen Revolutionären Partei (PRI) durch Plutarco Elias Calle.
Cronostart1934-1940
 Präsident Lazaro Cardenas. Nationalisierung der Ölindustrie und der Eisenbahn; Intensivierung der Landreform.
Cronostart1946-1952
 Präsident Miguel Aleman. Industrialisierung des Landes und Stärkung der kapitalistischen Wirtschaft.
Cronostart1950’er
 Besiedlung des Lacandonen-Urwalds im großen Maßstab, infolge des Bevölkerungswachstums und Landvertreibungen in anderen Regionen. Die neuen Siedler sind in der Mehrheit indigene Tzotziles, Tzeltales und Tjolabales. Die Unergiebigkeit des Bodens und die Landgier der Großgrundbesitzer führt schon bald zu einer akuten Landnot bei den indigenen Campesinos, deren Anträge für zusätzliches Land von der Regierung oft über Jahrzehnte hinaus ignoriert werden.
Cronostart19.06.1957
 Rafael Guillén Vicente, laut Regierung der künftige Subcomandante Marcos, wird in Tampico, Taumalipas, als Sohn eines Möbelhändlers geboren.
Cronostart25.01.1960
 Samuel Ruiz Garcia wird zum Bischof von San Cristobal de Las Casas ernannt. In kürzester Zeit entwickelt sich der als erzkonservativ geltende Ruiz zum unermüdlichen Menschenrechtskämpfer und Streiter für die indigenen Rechte. Von den Indigenas erhält er den Ehrennamen »Tatic« (Vater). Den regionalen Coletos gilt er als »roter Bischof« und später als »Comandante Sami«.
Cronostart1964-1970
 Präsident Gustavo Díaz Ordaz
Cronostart1965-1975
 Die Zustände in Mexiko führen zum Entstehen verschiedener Guerrillabewegungen, die zum größten Teil im Verlauf des jahrelangen "Schmutzigen Krieges" durch Armee und paramilitärische Organisationen ausgelöscht werden.
Cronostart09.10.1967
 Che Guevara wird in Bolivien von der Armee ermordet.
Cronostart02.10.1968
 Die Demonstrationen der Studentenbewegung gegen die soziale Ungerechtigkeit enden am 2. Oktober mit dem Studentenmassaker auf dem Platz der Drei Kulturen in Tlatelolco, einige Tage vor Eröffnung der Olympischen Spiele in Mexiko.
Cronostart06.08.1969
 In Monterrey (Nuevo León) werden die Fuerzas de Liberacion Nacional (Streitkräfte der Nationalen Befreiung) FLN gegründet, aus denen zum Teil später die EZLN hervorgehen wird.
Cronostart1970-1976
 Präsident Luis Echeverria. Neue Periode populistischer Reformen
Cronostart1972
 Gründung der »Lacandona Gemeinde«. Per Dekret verleiht die Regierung 66 Lacandonischen Familien ein Gebiet von ca. 600.000 Hektar und räumt 2.000 Tzeltal und Chol Familien aus 26 Gemeinden. Vermutete Erdölreserven im Lacandonen-Urwald und die Interessen der Rinderbarone und Holzindustrie führen zu weiterem Druck auf die Siedler. Massive Vertreibungen und Räumungen werden zur Regel. Gegen die beginnenden Ejidovereinigungen mobilisieren die Großgrundbesitzer Privatarmeen, die als Weiße Garden bezeichnet werden.

Verschiedene urbane linke Gruppierungen maoistischen und guevaristischen Zuschnitts, hauptsächlich aus DF und dem Norden, darunter auch die FLN, kommen nach Chiapas, um eine Guerilla in der Selva Lacandona aufzubauen. Dies scheitert an der Unfähigkeit der politischen Kader sich mit den örtlichen Gegebenheiten und den Entscheidungsstrukturen der Indigenas vertraut zu machen. Dennoch erfolgt daraus eine Politisierung der Bevölkerung im Lacandonischen Urwald und anderen Regionen von Chiapas. Entstehung mehrerer großen Campesino- und Indigenen Organisationen.
Cronostart1973
 Mexiko bietet chilenischen Flüchtlingen nach dem gewaltsamen Putsch gegen Präsident Allende Schutz.
Cronostart1974
 In Guerrero vernichtet die Bundesarmee die Guerrillabewegung "Partei de los Pobres", und ermordet deren Anführer, Professor Lucio Cabañas. Eine weitere militärische Operation richtet sich gegen die FLN, die fast gänzlich aufgerieben wird. Ihr Hauptquartier in Nepantla, Bundestaat Mexico wird gestürmt und die Mitglieder der Zelle in Chiapas ermordet.

Erster indigener Kongress in San Cristóbal de las Casas, organisiert von der Diözese von Bischof Samuel Ruiz Garcia. 2000 Indigena-Delegierte aus dem gesamten Bundesstaat kommen und klagen die herrschenden Zustände an, die von Diskriminierung und Ausbeutung geprägt sind. Dies ist die erste öffentliche Manifestation der wachsenden indigenen Bewegung.
Cronostart14.12.1975
 Gründung der Campesino Organisation Quiptic Ta Lecubtesel, aus der später die ARIC hervorgehen soll.
Cronostart1976
 Amtszeit von Präsident Jose Lopez Portillo endet mit der großen Finanzkrise von 1982; Zahlung der Auslandsschulden in der Schwebe.
Cronostart1977
 Rafael Guillén beginnt sein Philosophie- und Literatur-Studium an der UNAM
Cronostart1978
 Amnestie und Legalisierung der Mexikanischen Kommunistischen Partei
Cronostart1979
 Sieg der Sandinisten in Nicaragua
Cronostart1982-1988
 Präsident Miguel de la Madrid. Beginn der neoliberalen Politik der Modernisierung (nach dem Plan des Internationalen Währungsfonds): Priorität für Exporte, schrittweise Privatisierung der staatlichen Industrien.
Cronostart1982-1983
 Ca. 100.000 Flüchtlinge aus Guatemala, zum größten Teil Indigenas, suchen vor den Massakern des Militärs in ihrem Land Schutz in Chiapas, darunter die spätere Nobelpreisträgerin Rigoberta Menchu.
Cronostart17.11.1983
 Aus den Resten der FLN gründen sechs Personen, angeführt von den Comandantes Germán und Elisa, in Chiapas die Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung, EZLN. Der Name des Autonomen Bezirkes 17 de Noviembre erinnert an diesen Tag. Unter den Gründern der neuen Guerillazelle befindet sich auch Marcos.
Cronostart1983-1994
 Die EZLN organisiert die indigene Bevölkerung in den Regionen Norte, Altos und Selva.
CronostartSeptember 1985
 Erdbeben in Mexiko Stadt (30.000 Tote, 500.000 obdachlos). Die Unfähigkeit und fehlende Bereitschaft der Regierung mit der Krise umzugehen ruft breite Unzufriedenheit hervor und führt zur Gründung zahlreicher Selbsthilfeorganisationen.
Cronostart1988-1994
 Carlos Salinas de Gortari gewinnt durch groben Wahlbetrug die Präsidentschaftswahlen. Stellenweise kommen Militärpanzer gegen die Zivilbevölkerung zum Einsatz. Beschleunigung der neoliberalen Politik; Reduzierung der Importtarife, massive Privatisierungswelle staatlicher Unternehmen, Reduzierung der Subventionen für Grundnahrungsmittel, rasante Ausbreitung von Maquiladoras.
Cronostart1992
 Änderung des 27. Verfassungsartikels über die Unveräußerlichkeit kommunalen Landbesitzes zugunsten des geplanten Nordamerikanischen Freihandelsabkommens NAFTA. Artikel 27 galt als wichtigstes Erbe der Mexikanischen Revolution - die Änderung erfolgt auf Initiative der PRI-Regierung und des Wirtschaftssektors, ohne die Bevölkerung zu konsultieren.
Cronostart12.10.1992
 Bei den Massenprotesten gegen die 500. Jahresfeier der Entdeckung der Americas treten die Zapatisten zum ersten Mal in Erscheinung, als sie den Marsch in San Cristóbal anführen.
Cronostart23.01.1993
 Auf dem EZLN Kongress in der Selva Lacandona wird für den bewaffneten Aufstand gestimmt. Die zapatistischen Basen beauftragen die Streitkräfte unter Marcos, binnen eines Jahres die Vorbereitungen für eine Offensive gegen die Regierung abgeschlossen zu haben.
Cronostart22.05.1993
 Erste bewaffnete Auseinandersetzung zwischen der EZLN und der Bundesarmee, als die Soldaten über ein zapatistisches Ausbildungslager in der Sierra Corralchén stolpern. Alle Gerüchte über einen bevorstehenden Guerillaangriff werden von der Regierung unterdrückt, um das baldige Inkrafttreten des NAFTA nicht zu gefährden.
Cronobereich1994
Cronostart01.01.1994
 Start des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens (NAFTA) zwischen den Vereinigten Staaten, Kanada und Mexiko.
CronostartZapatistischer Aufstand
 Am 1. Januar 1994 erklärt die indigene zapatistische Befreiungsarmee (EZLN) der mexikanischen Regierung und ihrem Militär den Krieg, indem sie die Bezirkshauptorte San Cristóbal de las Casas, Ocosingo, Altamirano, Las Margaritas, Oxchuc, Huixtán, Abasolo, Chanal und Larráinzar besetzt. Ihre Hauptforderungen sind »Arbeit, Land, Wohnraum, Ernährung, Gesundheit, Bildung, Unabhängigkeit, Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit und Frieden« (erste Deklaration aus dem lakandonischen Urwald). Sie erklären, dass sie sich wegen der zu geringen Erfolge friedlicher Proteste (Mahnwachen, Demonstrationen etc.) für den bewaffneten Weg entschieden hätten. Die EZLN nimmt den früheren Gouverneur von Chiapas, Absalón Castellanos, auf seinem Herrensitz fest und macht ihm den Prozess als »einem der gewalttätigsten Gouverneure in der Geschichte von Chiapas«; sie lässt ihn einige Wochen später wieder frei mit der Strafe, »bis zum Ende des Lebens mit der Schande leben zu müssen«.
Cronostart02.-11.01.1994
 Militäroffensive und schwere Bombardierung indianischer Gemeinden durch die Regierungstruppen. Gewaltakte, Massenerschießungen und Vertreibungen durch Bundesarmee und Weiße Garden; weltweite Proteste und Sympathiebekundungen für die Zapatisten. Der 12 Tage lange Krieg fordert zwischen 145 (Version der Regierung) und 1000 (Version der Zapatisten) Menschenleben. Die Salinas Regierung macht ausländische Manipulatoren für die Rebellion verantwortlich, muß aber schließlich eingestehen, daß es sich um Indianer der lokalen Bevölkerung und ehemalige Aktivisten der Studentenunruhen von 1968 handelt.
Cronostart12.01.1994
 Hunderttausende demonstrieren in Mexiko Stadt gegen den Krieg in Chiapas; Präsident Salinas de Gortari ruft einen einseitigen Waffenstillstand aus. Der damalige Sekretär für Auslandsbeziehungen und ehemaliger Bürgermeister von Mexiko Stadt, Manuel Camacho Solis, wird zum Friedensbeauftragten für Chiapas ernannt.
Cronostart16.01.1994
 Präsident Salinas stellt ein Amnestiegesetz für EZLN-Mitglieder vor, die bereit sind, ihre Waffen abzugeben. Die EZLN reagiert mit einem Kommuniqué mit dem Titel »Wofür haben wir um Verzeihung zu bitten?«
CronostartEnde Januar 1994
 Erste Demonstration anlässlich des WEF in Davos gegen die Anwesenheit des mexikanischen Präsidenten Salinas.
Cronostart16.02.1994
 Die EZLN übergibt ihren einzigen Kriegsgefangenen, General Absalon Castellanos Dominguez, Ex-Gouverneur von Chiapas. Castellanos wird dazu verurteilt, »bis ans Ende seiner Tage mit der Schande zu leben, von denjenigen Vergebung und Güte erfahren zu haben, die er so lange Zeit erniedrigt, verschleppt, vertrieben, beraubt und ermordet hat«.
Cronostart21.02.–02.03.1994
 Erster Dialog für den Frieden in der San Cristobal Kathedrale zwischen den Anführern der EZLN (Subcomandante Marcos und 20 Comandantes und Mitglieder des Indigenen Revolutionären Geheimkomitees, CCRI) und dem Friedensbeauftragten Manuel Camacho Solis, unter Vermittlung von Bischof Samuel Ruiz.

Die EZLN legt einen 34-Punkte-Katalog mit ihren Forderungen vor. Die Regierung macht daraufhin zwar materielle Zugeständnisse, geht jedoch nicht auf Demokratisierungsvorschläge ein. Die EZLN zieht sich zur Beratung der Ergebnisse durch die Dorfgemeinden in den Urwald zurück.

Mehr als hundert Campesino- und Indianerorganisationen schließen sich zu einem Bündnis (CEOIC) zusammen, um für das Recht auf Land zu kämpfen. In den folgenden Wochen und Monaten entwickelt sich eine beispiellose Landbesetzerbewegung, die bis zu 400 Ländereien besetzt hält.
Cronostart23.03.1994
 Ermordung des PRI Präsidentschaftskandidaten Luis Donaldo Colosio in Tijuana, Baja California. Trotz der offiziellen Version eines verrückten Einzeltäters deuten alle Anzeichen auf interne Machtkämpfe der Regierungspartei als Motiv hin. Ersatzkandidat wird der ehemalige Bildungsminister Ernesto Zedillo. Mehrere hochstehende Armeeangehörige und Mitglieder der PRI Führungsspitze sind in dem Mord impliziert, der jedoch niemals ganz aufgeklärt wird.
Cronostart04.06.1994
 Drei junge Tzeltal-Indianerinnen werden durch Angehörige der Streitkräfte vergewaltigt und mißhandelt - bis heute wurde keinem der beteiligten Soldaten der Prozeß gemacht.
Cronostart10.06.1994
 Nach einem tiefgehenden Konsultationsprozess ihrer Basis lehnt die EZLN die aus den Gesprächen in der Kathedrale hervorgegangenen Vorschläge der Regierung ab (98% der Stimmen lehnten die Vorschläge ab), da diese nicht auf ihre Forderungen eingehen. Die Regierung verweigert einen Dialog, der die Ursachen der rebellischen Bewegung angeht, sondern versucht diese zu minimieren und zu ignorieren.
Cronostart13.06.1994
 Die »Karawane der Karawanen« - ein Solidaritätskonvoi aus nicht-staatlichen Organisationen und studentischen Initiativen des ganzen Landes - durchbricht zum erstenmal den militärischen Absperrgürtel und bringt der EZLN gespendete Lebensmittel, Bücher und Medikamente.
Cronostart06.-09.08.1994
 Die EZLN lädt zum ersten Treffen des »Nationalen Demokratischen Konvents« (CND) in das neu errichtete »Auguascaliente« nahe der Gemeinde Guadalupe Tepeyac. Mehr als 6.000 Teilnehmer der zivilen Gesellschaft beraten über die Demokratisierung des Landes.
Cronostart21.08.1994
 Wahlsieg der PRI in den Präsidentschaftswahlen nach massivem Wahlbetrug. Ernesto Zedillo Ponce de Leon neuer mexikanischer Präsident.
Cronostart28.09.1994
 Ermordung des PRI-Generalsekretärs Jose Francisco Ruiz Massieu, in Mexiko Stadt.
Cronostart10.10.1994
 Wegen zunehmenden Truppenbewegungen der Bundesarmee, verstärkten Flügen der Luftwaffe über Zapatistengebiet und Provokationen durch militärische Stoßtrupps gibt die EZLN den endgültigen Abbruch der Gespräche mit der Regierung bekannt.
Cronostart12.10.1994
 Anlässlich des 500. Jahrestages der Entdeckung Amerikas gibt es zahlreiche Demonstrationen und Protestaktionen. Die CEOIC ruft zur Gründung »autonomer Territorien« in Chiapas auf. Über 30 von insgesamt 110 Bezirken in Chiapas folgen dem Aufruf und erklären ihre politische Autonomie. Eine Gegenregierung unter dem »Gouverneur in Rebellion« Amado Avendaño wird aufgestellt.
Cronostart04.-05.11.1994
 Zweites Treffen des Nationalen Demokratischen Konvents in San Cristóbal de las Casas mit 1.500 Teilnehmern.
Cronostart17.11.1994
Subcomandante Insurgente Marcos erhält bei einer indianischen Zeremonie den Oberbefehl über die zapatistischen Truppen.
Cronostart01.12.1994
 Inauguration von Präsident Ernesto Zedillo.
Cronostart08.12.1994
 Gleichzeitig mit dem von der PRI eingesetzten Gouverneur für Chiapas tritt auch der Oppositionskandidat Amado Avendaño sein Amt an - die befürchteten Zusammenstöße bleiben zunächst aus. Beginn der »rebellischen Volksregierung« mit Sitz in San Cristobal. Die hinter Avendaño stehende Demokratische Staatsversammlung des chiapanekischen Volkes (AEDEPCH) erklärt 58 Gemeindebezirke einschließlich des Territoriums der EZLN »zum friedlichen aufständischen Gebiet«.
Cronostart19.12.1994
 Zweite militärische Offensive der EZLN; über eintausend Kämpfer durchbrechen unbemerkt den Sperrgürtel der Bundesarmee, vermeiden aber jeden bewaffneten Zusammenstoss; sie besetzen 38 Bezirksstädte im Hochland von Chiapas, die außerhalb der ursprünglichen Konfliktzone liegen, und erklären sie zusammen mit der Lokalbevölkerung zu »autonomen aufständischen Gemeinden«.
Cronostart19.-20.12.1994
 Finanzkrise: Entwertung des Peso (40%), gefolgt von wirtschaftlicher Rezession, gekennzeichnet durch das Verschwinden Tausender Unternehmen und von einer Million Arbeitsplätzen sowie einer ernsten Senkung des Lebensstandards der Mehrheit der Bevölkerung. Die Zedillo Regierung versucht, die Zapatisten für die Wirtschaftskrise verantwortlich zu machen. Der IWF, die Vereinigten Staaten und mehrere andere Länder gewähren Mexiko 1995 einen Kredit von 50 Milliarden Dollar - dies ist die größte Finanzhilfe, die jemals von der internationalen Wirtschaftsgemeinde einem einzelnen Land gewährt worden ist. Bedingung ist die strenge Einhaltung der IWF-Auflagen, d.h. Beschleunigung der Privatisierung und massive Einschneidungen bei den Sozialbudgets.
Cronobereich1995
Cronostart01.01.1995
 Die EZLN veröffentlicht die Dritte Erklärung aus dem Lacandonischen Urwald, in der sie die Zivilgesellschaft dazu aufruft, eine neue »Bewegung für die Nationale Befreiung« zu gründen und eine Übergangsregierung einzusetzen. Frieden würde nur »Hand in Hand mit Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit für alle Mexikaner«.
Cronostart15.01.1995
 Die EZLN trifft sich im Lacandonischen Urwald mit der CONAI und Regierungsvertretern, darunter Innenminister Estéban Moctezuma. Beide Seiten sagen zu, sich um einen stabilen Waffenstillstand und die Wiederaufnahme der Verhandlungen zu bemühen.
Cronostart16.01.1995
 Die EZLN ruft einen »unilateralen und Waffenstillstand auf unbegrenzte Zeit« aus.
Cronostart03.-05.02.1995
 Das dritte Treffen des Nationalen Demokratischen Konvents findet in Queretaro mit mehr als 4.000 TeilnehmerInnen statt. Erste Schritte zu einer »Bewegung der nationalen Befreiung« werden eingeleitet, die die Zivilgesellschaft mobilisieren und die politische Initiative zur Demokratisierung Mexikos übernehmen soll.
Cronostart09.02.1995
 In einer überraschenden Wendung bricht die Bundesregierung den Waffenstillstand und entfesselt eine gewaltige Militäroffensive gegen die EZLN und deren Unterstützergemeinden, innerhalb und außerhalb von Chiapas. Öffentliche »Enthüllung der wahre Identität« von Marcos als Rafael Sebastian Guillen Vicente, und Ausstellung von Haftbefehlen gegen alle vermeintlichen zapatistischen Anführer. Bundesarmee und Polizeieinheiten dringen tief in zapatistische Gebiete ein und besetzen Dörfer. Die EZLN verhindert eine endgültige Eskalation, indem sie sich in die Berge zurückzieht und sich weigert, das Feuer gegen die Regierungstruppen zu erwidern.
Cronostart09.11.-11.03.1995
 Die Regierung setzt ihre Offensive fort, zerstört und besetzt Gemeinden wie Guadalupe Tepeyac, bombardiert und verwüstet andere wie El Prado. Mehr als 20.000 indigene Unterstützungsbasen der EZLN sind gezwungen in die Berge zu fliehen. Die Armee schafft es zu keiner Zeit, das CCRI-CG (Generalalkommandatur) der EZLN zu lokalisieren, um die Haftbefehle auszuführen. Dutzende Personen in Chiapas, im Bundesstaat Mexico, Veracruz werden auf den Verdacht hin, der EZLN anzugehören, als Terroristen verhaftet, gefoltert und eingesperrt.

Massenmobilisierungen gegen den Krieg in Chiapas in Mexiko und auf der ganzen Welt. In Mexiko Stadt demonstrieren mehr als 100.000 Menschen gegen die Militäroffensive. Innerhalb einer Woche kommt es zu weiteren drei Großdemonstrationen mit mehreren hunderttausend Teilnehmern und unzähligen kleineren Protestaktionen sowie internationalen Solidaritätsbekundungen. Die Öffentlichkeit zwingt den Präsidenten Zedillo, den Militäreinsatz zu beenden.
CronostartFebruar 1995
 Die Flüchtlinge im lakandonischen Urwald sind von Hunger und Krankheiten bedroht. Die EZLN fordert den Abzug der Armee vor der Aufnahme von Friedensverhandlungen. Die internationale Hilfsorganisation »Ärzte ohne Grenzen« teilt mit, es werde ihr nicht erlaubt, Medikamente für die Bevölkerung nach Chiapas zu bringen. Die US-Organisation »Pastoren für den Frieden« erklärt, das Militär plündere die Indios aus und zerstöre Hütten und Felder, vernichte Saatgut und raube Haushaltsgegenstände.
Cronostart14.02.1995
 Eduardo Robledo, Gouverneur von Chiapas, tritt von seinem Amt zurück und wird durch Julio Cesar Ruiz Ferro ersetzt.
Cronostart19.02.1995
 Die Nationale Versöhnungskommission CONAI unter Vorsitz von Bischof Samuel Ruiz legt einen Friedensplan für die Aufnahme des Dialogs zwischen den Aufständischen und der Regierung vor. Mitglieder einer »Bürgerfront« (Viehzüchter und Großgrundbesitzer) greifen gewalttätig die Kathedrale des Bischofs Ruiz in San Cristóbal an und fordern seinen Rücktritt.
Cronostart28.02.1995
 Raul Salinas, der einflussreiche Bruder des Ex-Präsidenten wird als vermutlicher intellektueller Autor des Mordes an Jose Francisco Ruiz Massieu und wegen massiver Veruntreuung und verbrecherischer Machenschaften, an denen auch sein Bruder beteiligt war, .
Cronostart11.03.1995
 Unter öffentlichem Druck und angesichts des Versagens der Militäroffensive verabschiedet der Mexikanische Kongress das Gesetz für Dialog, Versöhnung und gerechten Frieden in Chiapas. Das Gesetz ruft zur Wiederaufnahme der Friedensgespräche und zur Einstellung der Militäroperationen gegen die EZLN, zur Aufhebung der Haftbefehle gegen die vermutete Führungsspitze für die Dauer des Dialoges auf. Eine legislative Kommission, die Kommission für Versöhnung und Frieden (COCOPA), erhält die Aufgabe die Basis dieses neuen Dialoges zu legen und zu erleichtern.

Ex-Präsident Salinas verlässt Mexiko, um sich einer gesetzlichen Untersuchung zu entziehen und begibt sich ins freiwillige Exil nach Irland.
Cronostart17.03.1995
 Die EZLN akzeptiert das Gesetz für Dialog, Versöhnung und gerechten Frieden in Chiapas.
Cronostart24.03.-02.04.1995
 Die internationale Karawane »Para Todos Todo« (Für alle alles) bringt 180 t Hilfsgüter nach Chiapas. Ende März organisiert sich eine Pilgerdemonstration von 20.000 Menschen zur Unterstützung von Bischof Samuel Ruiz.
Cronostart09.04.1995
 Eine Delegation des CCRI-CG der EZLN trifft sich im Dorf von San Miguel, Bezirk Ocosingo, mit Vertretern der Bundesregierung, der CONAI und der COCOPA, um die Logistik und die Agenda der geplanten Friedensgespräche auszuhandeln.
Cronostart10.04.1995
 Im Zuge einer Demonstration in Mexiko-Stadt, die sich gegen die Wirtschafts- und Sozialpolitik der Regierung richtet und Solidarität mit der EZLN bekundet, erinnern mehrere zehntausend Arbeiter und Bauern an die Ermordung des mexikanischen Revolutionsführers Emiliano Zapata vor 76 Jahren. In der chiapanekischen Ortschaft Las Margaritas besetzen Hunderte von indianischen Bauern mehrere öffentliche Gebäude und einen lokalen Rundfunksender.
Cronostart20.04.1995
 Wiederaufnahme der Friedensgespräche. Die EZLN und Vertreter der Bundesregierung treffen sich erstmals in San Andrés Sacamch’en de los Pobres (Larrainzar), einer zapatistischen Tzotzil Gemeinde im Hochland nördlich von San Cristóbal, die für die nächsten Monate zum ständigen Schauplatz der Verhandlungen werden wird. Die CONAI und die COCOPA übernehmen dabei die Vermittlerrolle.
Cronostart21.04.1995
 Die Bundesregierung unterbricht vorübergehend das erste Treffen der neuen Friedensgespräche, vorgeblich wegen der Anwesenheit mehrerer Tausend indigener Unterstützer der EZLN, die nach San Andrés gekommen sind, um sich an den Menschenketten zu beteiligen, die von der Zivilgesellschaft zum Schutz der EZLN Comandantes gebildet werden. Die Gespräche werden wieder aufgenommen sobald das CCRI-CG seinen Unterstützern dankt und sie bittet, in ihre Gemeinden zurückzukehren.
Cronostart28.04.1995
 Soldaten und Polizeikräfte räumen gewalttätig die besetzten Kaffeeplantagen Liquidámbar und Prusia. Die Fincas waren vor neun Monaten von den Plantagenarbeitern und Mitgliedern der Unión Campesina Popular Francisco Villa besetzt worden.
Cronostart10.05.1995
 Die EZLN lehnt einen Regierungsvorschlag ab, der zur Lösung des Konfliktes eine Eindämmung der EZLN Truppen in umzingelte »autonome« Zonen im Stil der nordamerikanischen Indianerreservate vorsieht.
Cronostart16.05.1995
 Die EZLN und Bundesregierung treffen sich für die zweite Gesprächsrunde in San Andrés und einigen sich auf Minimalrichtlinien für die Fortsetzung der Gespräche.
Cronostart08.06.1995
 Frustriert von der Weigerung der Regierung, Anliegen auf nationaler Ebene zu verhandeln und dem Versuch, den Einfluß und die Forderungen der EZLN auf »vier Bezirke von Chiapas zu beschränken«, beschließt die EZLN eine massive nationale und internationale Consulta (Volksbefragung) auszurufen, und alle Mexikaner und Nicht-Mexikaner über die zapatistischen Forderungen und die Zukunft der Bewegung abstimmen zu lassen. Der Dialog mit der Regierung scheint währenddessen zu stagnieren.
Cronostart19.06.1995
 In Aguas Blancas im Bundesstaat Guerrero werden 17 organisierte Campesinos von Sicherheitskräften in einen Hinterhalt gelockt und massakriert. Die Polizisten feuern auf zwei Kleinlaster, in denen sich 60 Mitglieder der Bauernvereinigung Organisación Campesina de la Sierra Sur (OCSS) befinden, die auf dem Weg zu einer Demonstration waren. Aufgebrachte Landarbeiter zünden daraufhin das nahegelegene Rathaus der Stadt Coyuca de Benftez an und fordern den Rücktritt des Gouverneurs des Staates Guerrero. Rücktritte und Entlassungen von untergeordneten Beamten folgen. Die Hintergründe, insbesondere die politische Verantwortung für die durch eine Videoaufnahme an die Öffentlichkeit gelangten Geschehnisse, bleiben ungeklärt. Innerhalb von 10 Tagen werden in Guerrero 36 Menschen ermordet.
CronostartSommer 1995
 Die Bundesarmee beginnt mit der Ausbildung der Paramilitärs in Chiapas; »Paz y Justicia« ermorden und vertreiben Oppositionelle in der Nördlichen Zone.
Cronostart08.08.1995
 Großdemonstration von fast 200.000 Menschen vor dem Nationalpalast in Mexico City anläßlich des ersten Jahrestages des ersten Nationalen Demokratischen Konvents in der Selva Lacandona.
Cronostart27.08.1995
 Mehr als 1.2 Millionen Mexikaner und mehr als 100.000 Nicht-Mexikaner beteiligen sich an der Nationalen und Internationalen Consulta. Von den nationalen Teilnehmern stimmen 97.5% den Hauptforderungen der EZLN zu; 92.7% stimmen zu, dass die demokratischen Kräfte des Landes sich zu einer breiten sozialen und politischen Oppositionsfront zusammenschließen müssen, um für diese Forderungen zu kämpfen; 94.5% stimmen einer »tiefgehenden politischen Reform« zu, um die Demokratie zu garantieren; 93.1% stimmen zu, dass Frauen eine gleichberechtigte Repräsentation und Beteiligung auf allen zivilen und politischen Ebenen haben sollten; 52.6% schlagen vor, dass die EZLN zu einer neuen und unabhängigen politischen Kraft werden sollte, während 48.7% vorschlagen, dass dies durch eine Vereinigung mit bereits existierenden Organisationen geschehen sollte. Dies ist der größte Erfolg, den die EZLN bei ihrem Dialog mit der Zivilgesellschaft bis dahin erzielt hat.
Cronostart04.09.1995
 Die Menschenrechtsorganisation »Fray Bartolomé de las Casas« beschuldigt Angehörige der Polizei von Chiapas und Anhänger der regierenden PRI, in der Ortschaft Nuevo Limar 15 Häuser von Mitgliedern der Oppositionspartei PRD niedergebrannt und 25 Geiseln genommen zu haben.
Cronostart10.09.1995
 Die EZLN legt ihren Vorschlag für die Richtlinien des Dialoges vor und schlägt die Einrichtung von Arbeitsgruppen für die sechs Hauptthemen der Gepräche vor: Indigene Rechte und Kultur; Demokratie und Gerechtigkeit; Wohlfahrt und Entwicklung; Versöhnung in Chiapas; Frauenrechte in Chiapas und die Einstellung der Feindseligkeiten.
Cronostart03.10.1995
 Installation der San Andrés Gesprächsgruppe für Indigene Rechte und Kultur. Die EZLN lädt, im Einklang mit den ausgehandelten Richtlinien, mehr als 100 Intellektuelle, Aktivisten und Vertreter der sozialen, kulturellen und indigenen Organisationen ein, um bei den Gesprächen als Berater für die EZLN zu fungieren und öffnet so die Verhandlungen für Vertreter der mexikanischen Zivilgesellschaft.
Cronostart15.10.1995
 Bezirkswahlen in Chiapas. Durch massiven Wahlbetrug gewinnt die PRI 80 der 111 Bezirke und hält die Mehrheit im lokalen Kongress.
Cronostart18.-22.10.1995
 Erste Phase der Gespräche zwischen EZLN und Bundesregierung über die Indigenen Rechte und Kultur. Die Arbeitsgruppen teilen sich wie folgt auf: 1. Gemeinden und Autonomie: Indigene Rechte; 2. Garantien der Gerechtigkeit für die indigenen Völker; 3. Politische Beteiligung und Repräsentation der indigenen Völker; 4. Die Lage, Rechte und Kultur der indigenen Frauen; 5. Zugang zu Kommunikationsmittel und 6. Förderung und Entwicklung der indigenen Kultur.
Cronostart23.10.1995
 Die mexikanische Generalstaatsanwaltschaft (PGR) gibt die Verhaftung von Fernando Yañez Muñoz in Mexiko Stadt bekannt, der von der Bundesregierung beschuldigt wird "Comandante German" der EZLN zu sein. Die EZLN erklärt die Verhaftung zum Bruch des Gesetzes für Dialog und Versöhnung, das spezifisch die Verhaftung aller vermeintlichen EZLN-Anführer untersagt, solange der Dialog fortgesetzt wird. Die EZLN ruft »roten Alarm« aus.
Cronostart27.10.1995
 Auf das Betreiben der COCOPA wird Yañez Muñoz freigelassen und die Anschuldigungen gegen ihn werden fallengelassen.
Cronostart28.10.1995
 Die EZLN beendet den »roten Alarm« und gibt ihre Teilnahme an der geplanten zweiten Phase der Friedensgespräche in San Andrés über Indigene Rechte und Kultur bekannt.
Cronostart13.-18.11.1995
 Die zweite Gesprächsphase über Indigene Rechte und Kultur findet in San Andrés statt.
CronostartDezember 1995
 Während die EZLN die Feierlichkeiten zum zweiten Jahrestag des zapatistischen Aufstandes am Neujahrstag vorbereitet, wird die Präsenz der Bundesarmee in und um die indigenen Gemeinden von Chiapas massiv verstärkt. Besonders stark konzentriert sie sich um die vier neuen »Aguascalientes«, die in den Gemeinden von Realidad, Oventic, La Garrucha und Morelia gebaut werden.
Cronostart31.12.1995-01.01.1996
 Trotz der fortgesetzten Drohung einer neuen militärischen Offensive der Bundesarmee halten die Zapatisten ihre Neujahrsfeier und die Inauguration der neuen Aguascalientes in La Realidad, Oventic, Morelia und La Garrucha ab. Die Vierte Deklaration aus dem Lacandonischen Urwald ruft zur Bildung einer neuen zapatistischen Organisation auf – der Zapatistischen Front der Nationalen Befreiung (FZLN) – die eine nationale, friedliche und unabhängige zivile politische Macht werden soll. Damit erfüllt die EZLN ihr Versprechen, sich an die Ergebnisse der Nationalen und Internationalen Consulta zu halten.
Cronobereich1996
CronostartJanuar 1996
 Die FZLN »Frente Zapatista de Liberación Nacional - Zapatistisches Bündnis der Nationalen Befreiung« entsteht als umfassende politische Bewegung »zivilen, friedlichen, unabhängigen und demokratischen« Charakters, die weder als Partei organisiert sein noch die Übernahme der Macht anstreben soll.
Cronostart03.-10.01.1996
 Das Nationale Indigene Forum findet in San Cristóbal de las Casas statt. Die EZLN hat, unterstützt von der COCOPA und dem CONAI dazu aufgerufen, um die Meinungen der indigenen Völker und Vertreter aus ganz Mexiko einzuholen, deren Beschlüsse und Vorschläge sie in die San Andrés Gespräche einbringen wollen. 24 zapatistische Comandantes sowie 500 Vertreter von mehr als 30 indigene Völker aus dem ganzen Land nehmen am Forum teil.
Cronostart16.02.1996
 Nach langer Konsultierung ihrer Unterstützungsbasen unterzeichnen die Zapatisten und die Bundesregierung den ersten Satz von Vereinbarungen, die aus dem Dialog von San Andrés hervorgegangen sind: 40 Seiten nationaler Reformen zu den indigenen Rechten und Kultur. Comandante David warnt: »Dies ist nur ein kleines Abkommen, auf dem Papier. Wie werden uns nicht dazu verleiten lassen zu glauben, dass wir hier einen Friedensvertrag unterzeichnet haben.« Währenddessen werden die Vorbereitungen für die zweite Gesprächsrunde zum Thema Demokratie und Gerechtigkeit getroffen, die am 5. März beginnen soll.
Cronostart29.02.1996
 Die EZLN schlägt vor, das Nationale Indigene Forum zu einem ständigen Forum zu machen, aus dem später der Nationale Indigene Kongress hervorgehen wird.
Cronostart04.03.1996
 Die EZLN gibt die Liste ihrer Berater für die Gespräche zu Demokratie und Gerechtigkeit bekannt. Die Liste umfasst mehr als 125 Personen und Organisationen, von Cuauhtémoc Cárdenas zu ehemaligen politischen Führern der PRI und PAN-Parteien, Vertretern der nationalen Schuldnerbewegung El Barzón; der Regierung in Rebellion von Tepoztlán, Morelos; Vertretern unabhängiger Gewerkschaften, Journalisten, Schriftstellern und kulturellen Gruppen. Damit machen sie die Verhandlungen für eine breite Front der mexikanischen Zivilgesellschaft zugänglich, sie geben ihr Gelegenheit ihr Input mit einzubringen.
Cronostart21.03.1996
 Die Verhandlungen zu Demokratie und Gerechtigkeit verkommen schnell zu einem Monolog, als die Regierungsvertreter sich weigern, irgendeinen Vorschlag der EZLN zu diskutieren und auch sonst kaum ein Wort äußern. Der Presse gegenüber betonen sie stets, man verhandle lediglich über die Lösung lokaler Probleme, nicht über nationale Reformen. Die Gespräche werden zusätzlich durch die zunehmende Repression gegen indigene und Campesino Gruppen in Chiapas belastet.
Cronostart04.-08.04.1996
 Das erste Kontinentale Encuentro für Menschlichkeit und gegen den Neoliberalismus findet im zapatistischen Aguascalientes von La Realidad statt.
Cronostart02.05.1996
 Ein Richter in Tuxtla Gutiérrez spricht den Journalisten Javier Elorriaga und den Tzeltal Campesino Sebastián Entzin als Terroristen schuldig, weil sie angeblich der EZLN angehören sollen. Sie werden zu jeweils 13 und 6 Jahren Gefängnisstrafe verurteilt. Wegen der offensichtlichen Unvereinbarkeit dieses Urteils mit dem »Gesetz zur Versöhnung und Befriedung«, das den Zapatistas während den Verhandlungen Straffreiheit gewährt, ruft die EZLN in ihrem Gebiet am 11. Mai den Ausnahmezustand aus.
Cronostart05.05.1996
 Die PRI-istische paramilitärische Gruppe los Chinchulines in Bachajon, Bezirk Chilon, greift die Häuser von Oppositionellen und das lokale Pfarrhaus an. Sie brennen Häuser nieder und mehrere Menschen werden getötet. Ganze Familien flüchten in die umliegenden Hügel.
Cronostart06.06.1996
 Ein Berufungsgericht hebt die Urteile gegen Elorriaga und Entzin auf und lässt sie frei. Die EZLN antwortet mit der Aufhebung des roten Alarms.
Cronostart15.06.1996
 Die PRI-istische paramilitärische Gruppe Paz y Justicia in der Nördlichen Zone greift zapatistische Basisgemeinden an, brennt ganze Dörfer nieder und verursacht mehr als 2.000 interne Flüchtlinge.
Cronostart19.06.1996
 Während der Gedenkveranstaltung zum Jahrestag des Massakers in Aguas Blancas, Guerrero, tritt zum ersten Mal die EPR (Revolutionäre Volksarmee) an die Öffentlichkeit und ruft zum Sturz der Regierung auf. Anders als die EZLN orientiert sich die EPR an klassisch-kommunistischen Guerillakonzepten und strebt die Machtübernahme an. Das Auftauchen dieser neuen Guerilla gilt der Regierung als Legitimation für die weitere Militarisierung der südlichen Bundesstaaten.
Cronostart30.06.1996
 Das von der EZLN einberufene Sonderforum für Staatsreform beginnt in San Cristóbal de las Casas. Das Forum ist, ähnlich wie das Nationale Indigene Forum im Januar, auf so eine Weise organisiert, um die Gespräche von San Andrés über Demokratie und Gerechtigkeit für die ausgeschlossene Zivilgesellschaft zu öffnen.
Cronostart27.07.1996
 Das Erste Interkontinentale Encuentro für Menschlichkeit und gegen den Neoliberalismus wird im zapatistischen Aguascalientes von Oventic, Chiapas, eröffnet. Mehr als 4.000 Menschen aus 54 Ländern nehmen in den 5 Aguascalientes teil, um Themen wie Politikverständnis, Ökonomie, Autonomie und Selbstorganisierung und internationale Koordinierung gegen den Neoliberalismus zu diskutieren. Auf dem Treffen wird beschlossen, ein Widerstands- und alternatives Kommunikationsnetz zu schaffen und für 1997 zu einem zweiten Treffen auf dem europäischen Kontinent aufzurufen.
Cronostart06.08.1996
 Beginn der Abschlussrunde der Gespräche über Demokratie und Gerechtigkeit in San Andrés, mit minimaler Beteiligung der Regierungsvertreter.
Cronostart12.08.1996
 Die Gesprächsrunde über Demokratie und Gerechtigkeit endet ohne Einigung zwischen den Parteien. Die Regierung versucht die Verhandlungen zu diesem Thema zu schließen und zur nächsten Gesprächsrunde überzugehen. Die EZLN lehnt dies entschieden ab.
Cronostart29.08.1996
 Nach Konsultierung ihrer zivilen Unterstützungsbasen beendet die EZLN ihre Teilnahme an den Friedensgesprächen von San Andrés, bis zur Umsetzung der bereits vereinbarten Punkte von San Andrés und als Protest gegen die stark zunehmende Militarisierung und Repression gegen mutmaßliche Zapatisten. Gleichzeitig erhält die EZLN den Auftrag, die einseitige Waffenruhe weiterhin aufrechtzuerhalten und Kämpfe zu vermeiden. In einem Kommuniqué vom 2. September stellt die EZLN fünf “Minimalbedingungen”, die erfüllt werden müssen um die Verhandlungen wieder aufzunehmen:

1. Die Befreiung der vermeintlichen zapatistischen Gefangenen im ganzen Land und der zivilen EZLN Unterstützungsbasen in Cerro Hueco, Chiapas.

2. Die Ernennung von Unterhändlern der Regierung mit der Autorität Beschlüsse zu fällen, politischem Verhandlungswillen und Respekt für die zapatistische Delegation.

3. Einsetzung einer Kommission für die Implementierung und Verifizierung der San Andres Abkommen und die sofortige Umsetzung der Abkommen über indigene Rechte und Kultur, die von der EZLN und der Regierung bereits unterzeichnet wurden.

4. Ernsthafte und konkrete Vorschläge der Regierung für die Verhandlungen für Demokratie und Gerechtigkeit, sowie die Verpflichtung zu diesem Thema eine Einigung zu erzielen.

5. Die Beendigung der militärischen und polizeilichen Aktionen gegen die indigenen Gemeinden von Chiapas sowie die Auflösung der paramilitärischen Gruppen (oder die Verabschiedung eines Gesetzes, das sie anerkennt und ihnen Uniformen gibt, damit sie nicht straflos operieren).
Cronostart09.10.1996
 Die EZLN gibt bekannt, dass Kommandantin Ramona die Zapatisten beim Treffen des Ständigen Nationalen Indigenen Kongresses repräsentieren wird, das am nächsten Tag in Mexiko Stadt beginnen soll. Sie ist die erste Zapatista, die außerhalb von Chiapas öffentlich in Erscheinung tritt.
Cronostart10.-12.10.1996
 Erster »Nationaler Indigener Kongress« in Mexiko Stadt, an dem die Comandanta Ramona als Delegierte der EZLN teilnimmt. Sie ist die erste Zapatistin, die offiziell Chiapas verläßt.
Cronostart07.11.1996
 Nach einer Reihe »Dreiergespräche« zwischen der EZLN, der COCOPA und der CONAI wird die Kommission für die Implementierung und Verifizierung (COSEVER) der San Andrés Vereinbarungen endlich in San Cristóbal de las Casas eingesetzt. Darin vertreten sind die EZLN, die Bundesregierung und die Zivilgesellschaft. Massive Zunahme der Gewalt gegen NGO, die sich für den Frieden in Chiapas einsetzen. CONPAZ Büros werden verwüstet und gebrandschatzt, ihr Buchhalter und seine Familie werden entführt und zwei Tage lang festgehalten und Mitglieder zahlreicher NGO erhalten Todesdrohungen.
Cronostart24.-29.11.1996
 COCOPA, CONAI und EZLN treffen sich in San Cristóbal, um eine Gesetzesinitiative von Verfassungsreformen für die Implementierung der San Andrés Vereinbarungen über indigene Rechte und Kultur auszuarbeiten. Die COCOPA wird sowohl von der Regierung als auch von der EZLN bemächtigt, einen endgültigen Entwurf auszuarbeiten, auf dass beide Seiten nur mit einem einfachen »ja« oder »nein« antworten können, ohne weitere Veränderungen oder Ausführungen einzufügen.
Cronostart29.11.1996
 Die COCOPA legt ihren »endgültigen« Gesetzesentwurf für Indigene Rechte und Kultur der EZLN Delegation und Innenminister Emilio Chuayffet vor. Trotz Vorbehalte, weil der Entwurf viele Punkte der San Andrés auslässt, akzeptiert die EZLN, um mit der Implementierung der San Andrés Vereinbarungen zu beginnen und die Wiederaufnahme der Friedensverhandlungen zu beschleunigen. In einem privaten Treffen mit der COCOPA deutet die Regierung ebenfalls ihr Einverständnis an.
Cronostart05.12.1996
 Der Innenminister tritt von seiner ursprünglichen Zusage zurück und teilt der COCOPA mit, er würde ihren Gesetzesvorschlag nicht länger unterstützen. Diese Entscheidung löst die bisher schwerste Krise des Friedensprozesses aus und verdeutlicht, dass die Regierung keine Absicht hat, irgendeine Zusage zu erfüllen.
Cronostart07.12.1996
 Die COCOPA ersucht Präsident Zedillo zu intervenieren und das Dokument zu akzeptieren um den Friedensprozess zu retten. Der Präsident beschließt, die Kommentare des Innenministers zeitweilig zurückzuziehen und ersucht die EZLN um eine zusätzliche Bedenkzeit von 15 Tagen, um den Gesetzesvorschlag zu "untersuchen".
Cronostart19.12.1996
 Die COCOPA erhält die »Antwort« des Präsidenten und leitet diese an die EZLN weiter. Die Antwort ist in Wahrheit ein Gegenvorschlag (und nicht wie ausgemacht ein einfaches »ja« oder »nein«) mit 27 Anmerkungen und entscheidenden Veränderungen des ursprünglichen Entwurfes.
Cronostart20.-22.12.1996
 In Zürich findet eine europaweite Sitzung der Soligruppen statt, an der 150 Delegierte teilnehmen. Das zweite Intergalaktische Treffen wird beschlossen.
Cronobereich1997
Cronostart11.01.1997
 Die EZLN trifft sich mit der COCOPA in La Realidad und lehnt den Regierungsvorschlag ab. Die EZLN wiederholt, dass sie nicht an den Verhandlungstisch zurückkehren werden, bevor die San Andrés Vereinbarungen für Indigene Rechte und Kultur nicht implementiert sind. Marcos ruft die COCOPA auf, ihren ursprünglichen Entwurf zu verteidigen und erklärt, die EZLN werde auf eine öffentliche Stellungnahme der COCOPA zur Situation warten, bevor sie irgendeine weitere Entscheidung trifft.
Cronostart19.01.1997
 Ausbrüche von gemeindeinterner Gewalt in El Paraiso, Sabanilla, und der Nördlichen Zone. Am 20. Januar greift die Öffentliche Sicherheitspolizei PRD-Basen an, beschießt ihre Häuser mit Tränengas und bombardiert sie mit Handgranaten aus Hubschraubern. Die PRD-Basen fliehen in die Berge, die Öffentliche Sicherheit und die PRI-Mitglieder bleiben in den Gemeinden.
Cronostart12.01.-04.03.1997
 Massive Verstärkung der Militär- und Polizeipräsenz und Repressionen in Chiapas, während das Land auf die "öffentliche Stellungnahme" der COCOPA wartet.
Cronostart01.02.1997
 9.000 zivile Zapatisten marschieren durch San Cristóbal de las Casas, Chiapas, und fordern die Regierung auf, die San Andrés Vereinbarungen zu achten und den COCOPA Gesetzesvorschlag anzunehmen.
Cronostart04.03.1997
 Nach einer Wartezeit von mehr als 50 Tage veröffentlicht die COCOPA endlich eine offizielle Erklärung zur Lage: ein verwirrendes und widersprüchliches Dokument, das ihre Entscheidung verkündet, den Gesetzesentwurf zurückzuziehen. Fünf Tage später antwortet die EZLN und kritisiert die COCOPA Entscheidung, die die Gefahr der Lage zusätzlich verschärfe.
Cronostart07.03.1997
 Öffentliche Sicherheitskräfte vertreiben gewaltsam 65 Familien der indigenen Organisation Xi’Nich aus ihren Häusern nahe Palenque. Die Polizisten erklären später, die Indigenas hätten ihre Häuser selbst niedergebrannt. Nach der Vertreibung wird einer der am Schauplatz zurückgebliebenen Polizisten durch einen Heckenschützen getötet.
Cronostart08.03.1997
 Staatliche Gerichtspolizisten nehmen gewaltsam den Jesuitenpriester Pater Jerónimo Hernández sowie dessen Assistenten Gonzalo Rojas und zwei Anführer von Xi’Nich fest; angeblich in Verbindung mit dem Polizistenmord vom Vortag, obwohl keine der vier Personen sich zu der Zeit in der Region aufhielt. Pater Jerónimo Hernández, ein gesetzlicher Berater der EZLN, der 1991 den indigenen Protestmarsch der Xi’Nich nach Mexiko Stadt organisiert hatte, war 1994 von der Televisa verdächtigt worden Subcomandante Marcos zu sein. Die vier werden gefoltert und 48 Stunden lang fest gehalten, unter dem Vorwurf, einen Polizisten getötet zu haben.
Cronostart13.03.1997
 Die zwei Jesuitenpriester und die Xi’Nich Anführer werden von einem Richter in Tuxtla Gutiérrez aufgrund mangelnder Beweise freigelassen.
Cronostart14.03.1997
 Öffentliche Sicherheitskräfte, Gerichtspolizei und die mexikanische Armee führen gemeinsam einen Angriff gegen zivile Zapatisten in der Gemeinde von San Pedro Nixtalucum, (Bezirk San Juan de la Libertad, ehemals El Bosque) durch. Sechs unbewaffnete Tzotzil Indigenas werden von Gewehrsalven aus einem Hubschrauber niedergemäht, an dessen Bord sich der Generalstaatsanwalt von Chiapas, Jorge Enrique Hernández befindet. 29 weitere Dorfbewohner werden verprügelt, festgenommen und teilweise verschleppt. Die übrigen zapatistische Zivilisten aus San Pedro - mehr als 80 Familien - werden gewaltsam vertrieben.
Cronostart13.04.1997
 Die Pilgerfahrt für den Frieden findet in Tila statt. 20.000 Unterstützer der Diözese marschieren nach Tila und fordern ein Ende der Gewalt in der nördlichen Zone. Mitglieder des Mexikanischen Bischofsrates (CEM) schliessen sich die Bischöfe Vera und Ruiz an und rufen zu Versöhnung und Frieden in der Zone auf.
Cronostart24.-28.04.1997
 »Wejlel Marsch« von 150 Vertreter der Vertriebenen der Nördlichen Zone nach Tuxtla Gutierrez, um die Freilassung der politischen Gefangenen und eine Lösung für die Krise im Norden zu fordern. Sie beginnen eine Sitzblockade vor dem Regierungspalast. 12 internationale Beobachter werden aus Mexiko ausgewiesen, weil sie den Marsch begleitet haben.
CronostartJuni 1997
 Die EZLN hat in 38 offiziellen Gemeinden Parallelregierungen eingerichtet.
Cronostart06.07.1997
 Bei den Bürgermeister- und Parlamentswahlen verliert die PRI erstmals seit fast 70 Jahren die absolute Mehrheit im Abgeordnetenhaus und die Kontrolle über einige Bundesstaaten. In Mexiko-Stadt wird Cuauthémoc Cárdenas (PRD) zum Bürgermeister gewählt.
Cronostart25.07.-03.08.1997
 Das »Zweite Interkontinentale Treffen gegen den Neoliberalismus und für die Menschheit« findet an fünf verschiedenen Orten in Spanien statt. An die 3.500 Menschen nehmen daran teil.
CronostartSeptember 1997
 1.111 Mitglieder der EZLN marschieren zum Gründungskongreß der FZLN nach Mexico City, wo sie von mehreren zehntausend Menschen empfangen werden. Nach fast 20-monatiger Vorbereitungszeit diskutieren über 3.000 Delegierte das politische Programm, die geplanten Aktionen sowie die organisatorische Struktur der FZLN. Parallel findet eine bundesweite Versammlung der Delegierten des Nationalen Indigenakongresses (CNI) statt.
CronostartHerbst 1997
 Das Auftreten paramilitärischer Truppen und deren Einschüchterungsmethoden gegenüber der Bevölkerung nehmen zu. Im Oktober töten »Weiße Garden« im Gebiet von Chenalho 15 Personen und vertreiben mindestens 4.500 Personen aus ihren Dörfern.
Anfang November wird Bischof Samuel Ruiz bei einem Attentat der paramilitärischen Truppe »Paz y Justicia« leicht verletzt.
Cronostart08.12.1997
 Sonderabkommen zwischen der EU und Mexiko.
Cronostart22.12.1997
 Bei einem Überfall auf ein Flüchtlingslager in der Gemeine Chenalhó in Acteal werden 45 Menschen indigener Abstammung von Mitgliedern einer paramilitärischen Organisation der Regierungspartei regelrecht niedergemetzelt. Unter den Opfern, die gerade einer Messe beiwohnten, sind 21 Frauen, vier davon schwanger, 17 Kinder und ein Säugling. Die örtliche Polizei hat offensichtlich Anweisungen, nicht einzuschreiten und sieht dem Gemetzel nur wenige hundert Meter davon entfernt über fünf Stunden lang zu.
Cronobereich1998
 
CronostartJanuar 1998
 Weltweite Solidaritätskundgebungen in der Folge des Massakers von Acteal: in Rom demonstrieren 50.000 Leute, in Zürich 500. In Genf wird das mexikanische Konsulat besetzt. Als Voraussetzung für die Wiederaufnahme stellt die EZLN folgende Bedingungen: Auflösung des Paramilitärs und des Belagerungsrings, Aufklärung des Massakers von Acteal und eine Gesetzesinitiative über die Rechte der indigenen Bevölkerung.
CronostartFebruar/März 1998
 Die europäische Solibewegung organisiert die »internationale Kommission zur Beobachtung der Menschenrechte«, die die Konfliktentwicklung vor Ort recherchiert und einen Bericht der UNO und verschieden Parlamenten übergibt.
CronostartApril 1998
 Gewaltsame Auflösung des Bezirkes »Ricardo Flores Magon« und Beginn einer neuen Welle militärischer Angriffe auf autonome Dörfer.
CronostartFrühjahr/Sommer 1998
 Die Militarisierung des südöstlichen Bundesstaates nimmt weiter zu; Tausende von Indígenas sind auf der Flucht vor den paramilitärischen Truppen, die die Gemeinden terrorisieren.
CronostartMai 1998
 Eine italienische Beobachtungs-Delegation von 120 Leuten wird aus Mexiko ausgewiesen.
Cronostart10.06.1998
 Bei der Räumung des autonomen Bezirks San Juan de la Libertad (El Bosque) werden in einem Feuergefecht acht Dorfbewohner und zwei Polizisten getötet. Die genauen Umstände der Schiesserei bleiben bis heute unklar.
CronostartJuni 1998
 Bischof Samuel Ruiz, der bisher die Vermittlerrolle zwischen Regierung und EZLN übernommen hatte, tritt aus Protest gegen die Regierung zurück. Auch die nationale Vermittlungskommission löst sich, enttäuscht über die starre Haltung der Regierung auf.Soldaten der mexikanischen Armee greifen eine Schule in Guerrero an und töten nach offiziellen Angaben elf Bauern. Augenzeugen sprechen von einer kaltblütigen Hinrichtung.
Cronostart19.07.1998
 Mit der »Fünften Erklärung aus dem Lakandonischen Urwald« bricht die EZLN ihr monatelanges Schweigen und ruft zur »Nationalen Befragung gegen den Krieg der Ausrottung« auf.
CronostartSeptember 1998
 Menschenrechtsbeobachter werden verstärkt abgeschoben. Ende September wurden bereits 100 Personen (darunter Parlamentarier aus Italien) des Landes verwiesen.
CronostartNovember 1998
 Treffen zwischen der Zivilgesellschaft und der EZLN in San Christóbal und zeitgleich erstes Treffen zwischen Vertretern der EZLN und der Cocopa seit einem Jahr.
Cronostart22.12.1998
 Gedenkveranstaltung an das Massaker von Acteal mit ca. 8.000 Menschen unter Anwesenheit von Bischof Samuel Ruiz.  Die Demonstration von Polhó nach Acteal wird von massiven Störungen durch Polizei und Armee begleitet.
Cronobereich1999
Cronostart06.01.1999
 Drei Mitglieder der unabhängigen Bauernorganisation (CIOAC) in der Gemeinde Huitupán im Norden von Chiapas werden ermordet.
Cronostart10.01.1999
 Die PRD veröffentlicht eine Studie, die anzeigt, dass Mexiko im Jahre 1999 62 Millionen Dollar für den Kauf von Waffen aus den USA aufwenden wird.
Cronostart14.01.1999
 Human Rights Watch bezeichnet Folter, das »Verschwindenlassen« von Personen und außergerichtliche Hinrichtungen als gängige Praktiken in Mexiko.
Cronostart12.-14.03.1999
 Die nationalea zapatistischea Consulta über Indigene Rechte und das Ende des Vernichtungskrieges. 5.000 Zapatistas (je zur Hälfte Männer und Frauen) reisen in alle 32 Bundesstaaten des Landes und begleiten die Kampagne, die eine Unzahl an Organisationen, indigenen Bewegungen, Menschenrechtsgruppen und lokalen Initiativen mobilisiert. An über tausend Abstimmungstischen im ganzen Land beteiligen sich innerhalb von Mexiko fast drei Millionen Menschen - dazu kommen noch ca. 30.000 Mexikaner, die im Ausland leben. Außerhalb Mexikos wurde die Consulta in zahlreichen Ländern und insgesamt 156 Städten durchgeführt, vor allem in den USA und in Europa.

Von den abgegebenen Stimmen heißen fast 96% die Anliegen der Indigenen gut und fordern ein Ende des Krieges gegen die Ureinwohner Mexikos.

Neben dem eigentlichen Abstimmungsergebnis ist die Reise der 5.000 zapatistischen Delegierten das wichtigste Ereignis der Consulta. Die Delegierten sind zwei Wochen unterwegs und treffen sich mit den Bewohnern der Armutsviertel in der Hauptstadt, Migranten an der Grenze zu den USA, anderen indigenen Völkern im Kampf, mit den Studenten der Hauptstadt oder mit den Komitees gegen die Privatisierung der Elektrizitätswerke.
Cronostart07./08.04.1999
 San Andrés Sacam’chen wird von Regierungstruppen »in den gesetzlichen Zustand« zurückversetzt. Damit wird die vierte der insgesamt 37 autonomen Gemeinden angegriffen. 3.000 zapatistische Tzotziles marschieren nach San Andrés und erobern den Ort gewaltlos zurück, der sich seitdem wieder in den Händen der autonomen Verwaltung befindet.
Cronostart20.04.1999
 Studenten besetzen einige Fakultäten der Universität UNAM in Mexiko-Stadt. Aus dem anfänglichen Protest gegen die Einführung von Studiengebühren entwickelt sich schnell eine allgemeine Protestbewegung.
Cronostart21.04.1999
 In Guerrero werden bei einem Überfall des Militärs drei Mixteken getötet und zwei Frauen vergewaltigt.
Cronostart07.-10.05.1999
 Zweites Treffen zwischen der EZLN und der Zivilgesellschaft mit ca 2.000 Teilnehmern. Marcos tritt erstmals seit zwei Jahren wieder öffentlich in Erscheinung.
Cronostart14.08.1999
 Die Bundesarmee besetzt unter Einsatz von Fallschirmjägern ein Landstück beim Dschungeldorf Amador Hernández und hält somit eine weitere Position am Eingang des Naturschutzgebietes »Montes Azules«, wo sich die Truppen der EZLN versteckt halten. Die widerständige Bevölkerung demonstriert über ein Jahr lang täglich gegen das Militärcamp.
Cronostart15.09.1999
 Am Tag der mexikanischen Unabhängigkeit wird ein Fest der mexikanischen Botschaft in Bern durch eine lautstarke Kundgebung gestört.
Cronostart15.-25.11.1999
 Zweite »internationale Kommission zur Beobachtung der Menschenrechte« analysiert den Konfliktverlauf und übergibt den Bericht Mary Robinson, der UNO-Sonderbeauftragten für Menschenrechte.
Cronobereich2000
CronostartJanuar - Juli 2000
 Angespanntes Wahlkampfklima. Die EZLN befürchtet einen militärischen Schlag des scheidenden Präsidenten Zedillo.
Cronostart12.06.2000
 In El Bosque gerät eine Polizeistreife in einen Hinterhalt. Sieben Polizisten werden getötet, zwei weitere Personen verletzt. Die Urheberschaft wird unter den Paramilitärs vermutet, verhaftet werden jedoch zwei Zapatistas.
Cronostart02.07.2000
 Die PRI wird bei den Präsidentschaftswahlen nach 71 Jahren an der Macht durch Vicente Fox von der konservativen PAN besiegt. Die sozialdemokratische PRD verliert an Gewicht. PRI und PAN dominieren zusammen auch die Parlamentskammern.

Der neue PAN Präsident, ein ehemaliger Coca Cola-Manager, ließ im Wahlkampf verlauten, er würde das »Indianerproblem« in 15 Minuten lösen. Seine Partei wehrt sich aber ebenso wie die PRI gegen die Verabschiedung der Gesetze zu den ausgehandelten indianischen Rechten. Die EZLN begegnet seinem Amtsantritt mit Zurückhaltung und kritisiert die wirtschaftspolitischen Ideen des neoliberalen Wunschkandidaten der USA.

Der neue Präsident verkündet einen strengen neoliberalistischen Kurs für Mexiko, sowie geplante Wirtschaftsmassnahmen, die vor allem die südlichen Bundesstaaten Chiapas, Guerrero und Oaxaca - mit Maquiladoras, den Billiglohnfabriken in Freihandelszonen, überziehen sollen. Entgegen seinen ausdrücklichen Wahlversprechen ernennt der neue Präsident einen Militärstaatsanwalt zum Generalstaatsanwalt. Darüber hinaus kündigt er an, den Etat der mexikanischen Streitkräfte um zwölf Prozent zu erhöhen und die 12.400 Mann starke Infanterie der Marine in eine mobile schnelle Eingreiftruppe zu verwandeln.

Zur selben Zeit stationieren die USA 12.000 bewaffnete Soldaten in Guatemala. In unmittelbarer Grenznähe zu Chiapas sollen diese »Sozialarbeit« leisten und »topographische Messungen« durchführen.
Cronostart02.12.2000
 Die EZLN zeigt sich offen gegenüber der neuen Regierung und betont ihren Willen für eine politische Lösung des Konflikts. Sie fordert drei Signale von Seiten der Regierung zum Beweis ihres Friedenswillens:

1. Freilassung der zapatistischen Gefangenen,
2. Rückzug der Bundesarmee aus sieben (von 259) militärischen Positionen
3. Umsetzung des ersten Abkommens von San Andrés.

Ausserdem kündigt die EZLN den »Marsch für die indigene Würde« an, mit dem die Zapatistas für die COCOPA-Gesetzesinitiative zu den indigenen Rechten und Kultur eintreten wollen.
Cronostart22.12.2000
 Die Bundesarmee zieht sich aus der ersten der sieben Positionen, deren Räumung die EZLN fordert, zurück: Amador Hernández.
Cronostart31.12.2000
 Nahe Oventic besetzt eine Demonstration von 700 Zapatistas einen Militärstützpunkt, der eine halbe Stunde nach ihrem Abzug geräumt wird. Die Feiern zum Jahrestag des Aufstandes verlaufen ruhig.
Cronobereich2001
CronostartJahresbeginn 2001
 Zapatistische Mobilisierungen erreichen den Rückzug der mexikanischen Bundesarmee aus zwei ihrer 259 Positionen. Nach der Räumung des umstrittenen Militärcamps von Amador Hernandez am 22. Dezember, gegen das die Dorfbevölkerung seit der militärischen Besetzung im August 1999 täglich demonstriert hatte, protestierten am 31. Dezember frühmorgens 700 zum Teil vermummte Zapatistas gegen das Militärcamp von Jolnachoj. Die 200 dort stationierten Soldaten wurden zum unverzüglichen Abzug aufgefordert. Nach einer halbstündigen Kundgebung in angespannter Atmosphäre zogen die Demonstrierenden in das fünf Minuten entfernte Aguascalientes Oventic ab, um dort die Feiern zum siebenjährigen Jubiläum des zapatistischen Aufstandes zu beginnen. Kurz darauf packten die Soldaten ihre Sachen und zogen ab - anscheinend auf direkten Befehl des neuen Präsidenten Fox, der eine Konfrontation mit den Demonstrierenden vermeiden wollte.

Die Freilassung der zapatistischen Gefangenen, ebenfalls eine Vorbedingung der EZLN, kommt langsam voran. Am 30. Dezember wurden 16 freigelassen, aber weitere 85 Gefangene warten auf das Resultat der Haftüberprüfung, die der neue chiapanekische Gouverneur Pablo Salazar angeordnet hat.

Im nationalen Parlament wird das erste Abkommen über indigene Rechte und Kultur in den folgenden Wochen diskutiert werden. Die Erfüllung dieses Abkommens von San Andrés ist der dritte Punkt für die Wiederaufnahme der Friedensverhandlungen.

Zur selben Zeit veröffentlicht der Nationale Sicherheitsrat der USA, eine Abteilung des CIA, seinen Bericht »Globale Tendenzen 2015«. Nach Einschätzung des CIA steht Lateinamerika einer neuen Bedrohung gegenüber: den indigenen Widerstandsbewegungen: »Diese Bewegungen haben großen Zuwachs zu verzeichnen. Erleichtert wird dies durch transnationale Netzwerke von Aktivisten, die für die Rechte der Indígenas eintreten, durch internationale, gut finanzierte Menschenrechts- und Ökologiegruppen«. Außerdem sagen die Experten voraus, daß sich die »Spannungen im Gebiet von Mexiko bis über die Amazonas-Region verschärfen werden«. Bereits 1999 hatte das chilenische Militärinstitut »Zentrum für militärische Studien und Untersuchungen« (Centro de Estudios e Investigaciones Militares) einen ähnlichen Bericht namens »Der Konflikt mit den Mapuches und seine Auswirkungen auf die nationale Sicherheit« herausgegeben. Der aktive Widerstand der Mapuches gegen große internationale Konzerne, welche den Indigenen ihr Land rauben und ihre natürlichen Lebensgrundlagen zerstören, hat sich in ein Thema der nationalen Sicherheit verwandelt.
Cronostart05.01.2001
 Im Militärlager Roberto Barrios scheinen die Soldaten von Roberto Barrios auf alles vorbereitet zu sein, außer auf einen Abzug aus diesem Stützpunkt, der im Februar 1996 eingerichtet wurde und weniger als einen Kilometer vom Aguascalientes der EZLN entfernt liegt. Ein doppelter Zaun aus Stacheldraht wurde um das gesamte Militärgelände von Roberto Barrios errichtet: Er schützt die Einrichtungen, verhindert das Eintreten fremder Personen und kennzeichnet das Gebiet, das von der mexikanischen Armee besetzt wird. Nach den Ereignissen von Jolnachoj, wo unbewaffnete Demonstranten die Armee zum Rückzug gezwungen hatten, wurde er zusätzlich verstärkt.

Die Befehlshaber der Militäreinrichtung verweisen auf den Präsidenten: »Der Befehl lautet zu bleiben, zu halten und sich nicht zurückzuziehen«, versicherte General Lopez. Pedro, EZLN-Sympathisant meint, dass Präsident Fox die Mexikaner betrügt, wenn er sagt, dass diese Kontrollpunkte nicht länger existierten: »Sehen Sie, hier sind sie, sie überwachen weiter alle Zapatisten, fotografieren die Fremden, und unsere Fahrzeuge werden angehalten und durchsucht, so wie immer. Nichts hat sich verändert.«
Cronostart09.01.2001
 Etwa 69 ehemalige Spitzel, die für die PRI in Chiapas als Mitarbeiter der »Koordination für Information und Politische Analyse« tätig waren, wurden am 4. Januar bei der Eliminierung des alten Überwachungsapparates durch den neuen Gouverneur Pablo Salazar Mediguchia entlassen. Aus Protest gegen ihre Entlassung verkaufen sie ein Interview an eine Tageszeitung und erzählen, dass die Koordination etwa 90 Mitarbeiter hatte: Vier Rezeptionisten, acht Analytiker zur Informationsauswertung, mehr als 50 »Ermittler« in allen Regionen des Staates und 12 »Sammler«, die die täglichen Berichte abfingen. 251 Dossiers mit je mehr als 200 Seiten Umfang bezeugen das Ausmaß dieser Tätigkeit.

Bereits 1993 leiteten diese aus den Gemeinden angeworbenen Agenten Informationen über die Bewegungen bewaffneter Gruppen in Las Margaritas und Ocosingo an die Regierung weiter, die diesen jedoch keine Beachtung schenkte. Zu ihren Aufgaben gehörte auch die ständige Beschattung von Bischof Samuel Ruiz. Sie infiltrierten sämtliche politische und landwirtschaftliche Organisationen und autonome Gemeinderegierungen und führten detaillierte Berichte über diese Aktivitäten: »Wir erfaßten alles: Märsche, Todesfälle, Konferenzen, interne politische Bewegungen jeder Gemeinde, Wahlergebnisse, einfach alles«, erzählt ein ehemaliger Ermittler. Als Stichprobe seines Könnens legt ein anderer Informationen über Subcomandante Marcos’ Privatleben vor.
Cronostart10.01.2001
 Mehr als 20 der 53 »geräumten« Militärbefestigungen in den Gemeinden von Ocosingo, Palenque und Las Margaritas sind in ihre Stützpunkte zurückgekehrt. Die Bewohner der autonomen Gemeinden berichten über erneute Belästigungen und Schikanen der Militärs. Das Schicksal der zwei »verhafteten« Zapatisten der Kooperative »Tierra y Libertad« ist nicht bekannt, in der Gemeinde Primero de Enero wurden die Bewohner von Jawaltón von einer Gruppe Soldaten in Zivilkleidung bedroht. Die Soldaten vergiften das Wasser des Flusses mit Asuntol, einem Desinfektionsmittel für Rinder, und streuen Marijuanasamen auf die Kaffeefelder. In Roberto Barrios werden nachts Militärübungen durchgeführt und Schüsse in Richtung der zapatistischen Gemeinden abgefeuert.

Der Oberbefehlshaber des VII. militärischen Distriktes gibt bekannt, dass sich seit Januar bereits 500 Soldaten aus Chiapas zurückgezogen hätten, dass die Armee aber weiterhin bleiben würde, um andere wichtige Pflichten »außer« der Bekämpfung der EZLN wahrzunehmen, die da wären: die Bekämpfung des Drogenhandels, der Grenzschutz und der liebevolle Schutz des Naturschutzgebietes von Montes Azules, um die illegale Abholzung zu unterbinden.

Am selben Tag wird die Militärbasis in Cuxulja im Glanzlicht der Öffentlichkeit geräumt. 20 lateinamerikanische Botschafter klatschen gehorsam Beifall. Friedensbotschafter Alvarez strahlt: »Die Regierung spricht nicht mit Worten, sondern Taten«. Die Schau stehlen aber die fast tausend zapatistischen Demonstranten, die sich versammelt haben, um gegen die wirkliche Situation zu protestieren. In einem Kommuniqué denunzieren sie die Lügen der Regierung und erinnern daran, dass sie sich nicht gegen die PRI erhoben haben, sondern gegen das System, das sie erniedrigt und dem Vergessen preisgibt. Der Krieg gegen das Vergessen wird weitergehen, bis die Indígenas in Mexiko anerkannt und nie wieder vergessen werden. Es wird keinen Dialog geben, solange die Regierung nicht bewiesen hat, dass sie zumindest die drei Minimalforderungen ehrenhaft erfüllen kann. Ob die Botschafter sich nicht mal den wahren Stand der Militarisierung aus der Nähe ansehen wollten? Antwort: »Das ist im Programm nicht vorgesehen.«

Fox verkündet seine Teilnahme am Wirtschaftsgipfel in Davos. Eine großangelegte Medienkampagne soll das Image Mexikos vor den europäischen Partner verbessern.
Cronostart12.01.2001
 Die zwei verschwundenen Zapatisten der Kooperative »Tierra y Libertad« seien nicht verschwunden, sondern verhaftet worden, wird offiziell erklärt. Ihnen wird zur Last gelegt, an einem geplanten Angriff beteiligt gewesen zu sein. Vier weitere zapatistische Gefangene werden freigelassen.

Fast 12.000 indigene EZLN-Sympathisanten fordern in San Cristóbal de las Casas die Erfüllung der drei Forderungen für die Wiederaufnahme der Friedensverhandlungen. In einer der größten Demonstrationen der letzten Jahre mahnen die rebellischen Indígenas: »Sieben Jahre nach unserem Aufstand gegen das Vergessen und dem Rassismus, nach sieben Jahren des Widerstandes und des Kampfes für Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit für alle, sagen wir Ihnen, dass der Krieg und der Tod weiterhin in unseren Dörfern lebt, weil die Militarisierung und Paramilitarisierung bis heute weitergeht und keine unserer Forderungen erfüllt worden ist«.
Cronostart25.02.-28.03.2001
 Mit einer spektakulären Reise der EZLN-Führung nach Mexiko-Stadt wird die Umsetzung der 1996 beschlossenen Verträge von San Andrés gefordert. In einer Phase, in der die Regierung auf Propagandaoffensiven, Zermürbung durch scheinheilige Verhandlungen und militärische Repression setzt, wendet sich die EZLN mit diesem Marsch an die Zivilbevölkerung, um den demokratischen Forderungen Nachdruck zu verleihen.

Hunderttausende Menschen begrüßen die Delegation, die auf ihrem Weg durch die massive Anwesenheit in- und ausländischer Friedensbeobachter geschützt wird, immer wieder Halt in indigenen Dörfern macht und auch am »Nationalen Indigenen Kongreß« in Michiacan teilnimmt.

Den Abschluß der Reise bildet der Auftritt der zapatistischen Comandantes im mexikanischen Kongreß. Als erste Rednerin betonte Comandante Ester die dreifache Unterdrückung der indigenen Frauen.

Sämtliche Reden während des zapatistischen Marsches findet ihr auf der Homepage von Zapapres. Für eine genauere Beschreibung der Reise klickt auf Marsch der indigenen Würde.
Cronostart19.04.2001
 Neues Massaker der Paramilitärs: Im Bezirk »Venustiano Carranza« überfällt die »Alianza San Bartolomé de Los Llanos« eine Gruppe Landarbeiter, die der BäuerInnenorganisation »OCEZ-Casa del Pueblo« nahestehen. Zwei Bauern können fliehen, acht werden ermordet.
CronostartApril 2001
 Als Reaktion auf den zapatistischen Marsch verabschiedet die Regierung ein »Autonomiegesetz«. Menschenrechtsgruppen, Indigener Kongreß und EZLN lehnen dieses Gesetz vehement ab, da es die Autonomie beschneidet, anstatt sie zu fördern (-> Stellungnahme des CNI).

Der CNI kündigt an, mit der »Wiedergewinnung indigenen Landes« zu beginnen, angefangen mit 5.000 Hektar Land in Potosí Huasteca.

Die EZLN wirft Fox Verrat und Täuschung vor, fordert die Umsetzung der Vereinbarungen von San Andrés anstatt »dieser Anerkennung der Rechte und Kultur der Großgrundbesitzer« und bricht sämtliche Gespräche mit der Regierung ab.
CronostartMai 2001
 Weiterhin nimmt die Militärpräsenz in Chiapas zu. Die unter Medienrummel geräumten Kasernen und Stützpunkte sind wieder besetzt, Straßensperren und -kontrollen werden wieder errichtet. Neue Straßen sollen die Militärlager am Rande des Lakandonischen Urwalds miteinander verbinden und so den Belagerungsring rund um das zapatistische Gebiet zuschnüren.

In San Pedro de Michoacán beginnen die Einwohner von Guadalupe Tepeyac in aller Stille die Arbeiten zum Wiederaufbau der Gemeinde, aus der sie vor sechs Jahren von der Armee vertrieben wurden.
CronostartJuni 2001
 Zum erste Mal gibt das Militär zu, Spezialtruppen zur Aufstandsbekämpfung durch guatemaltekische Kaibiles ausbilden zu lassen, dies der Öffentlichkeit jedoch aufgrund des »schlechten Rufs« der Kaibiles verschwiegen zu haben. Die Kaibiles werden für unzählige Verbrechen gegen die Menschenrechte während des 30 Jahre dauernden Bürgerkriegs in ihrem Land verantwortlich gemacht.
CronostartOktober 2001
 Bei den Regionalwahlen in Chiapas kommt es zu Stimmenthaltungen von knapp 60%. Beobachter berichten von massiven Wahlrechtsverletzungen, gefälschten und verschwundenen Stimmzetteln, Stimmenkauf und Manipulation. Das offizielle Ergebnis bestätigt die absolute Mehrheit der PRI bei leichten Zugewinnen für die Oppositionsparteien.
CronostartNovember 2001
 Die Menschenrechtsanwältin Digna Ochoa wird ermordet.
Cronobereich 2002
CronostartFebruar/März 2002
 Eine dritte internationale Kommission aus Menschenrechtsbeobachtern reist nach Mexico. Ihr ernüchterndes Resumée sieht auch nach Fox’ Amtsantritt keine Verbesserungen der Situation, andauernde Verletzungen der Menschenrechte und keinerlei Anzeichen der Regierung, an einer friedlichen Lösung interessiert zu sein.
CronostartApril 2002
 Mehr als 1.500 Familien aus 30 indigenen Gemeinden sollen aus ihren Dörfern in Montes Azules vertrieben werden. Die mexikanische Regierung verweist darauf, dass es sich um ein Naturschutzgebiet handle, dessen Gleichgewicht gefährdet sei. Der internationale Protest gegen die Vertreibung erreicht Präsident Fox beim Weltwirtschaftsgipfel in Madrid, während er seine Pläne zur Ausbeutung der Rohstoffe und Abholzung des Regenwaldes präsentiert.
CronostartMai 2002
 Die Gewalt in den bitterarmen Gemeinden im Süden Mexicos eskaliert. In Santiago Xochiltepec (Oaxaca) werden 26 Bauern auf einer entlegenen Landstraße angehalten und niedergemetzelt. Beim Menschenrechtszentrum Bartolomé Carrasco macht man vor allem staatliche Versäumnisse für die Massaker verantwortlich. Den Behörden sei es nicht gelungen, ungeklärte Landforderungen zwischen Kleinbauern und Holzfällern zu schlichten und in den verarmten südlichen Bundesstaaten Oaxaca, Chiapas und Guerrero für Recht, Ordnung und Gerechtigkeit zu sorgen.
CronostartAugust 2002
 Ein Sieg für die Bauern von San Salvador Atenco: Acht Monate lang kämpften die Bewohner und Bewohnerinnen der nordöstlich der mexikanischen Hauptstadt gelegenen Gemeinde gegen einen geplanten Großflughafen auf ihrem Boden. Rund 70 Prozent des Bodens der Kommune sollten Start- und Landepisten, Parkplätzen und Einkaufszentren weichen, 345 Wohnhäuser wären dem Erdboden gleichgemacht worden.
CronostartSeptember 2002
 Das höchste mexikanische Gericht, der Suprema Corte de Justicia de la Nacion, schmettert die Einsprachen von 330 indigenen Gemeinden gegen das »Ley Indigena Light« ab. Damit soll auch den neoliberalen Grossprojekten im Rahmen des »Plan Puebla-Panama« Tür und Tor geöffnet und den indigenen Gemeinden kein legaler Rahmen des Einspruchs gestattet werden.

Der Kleinkrieg der Paramilitärs gegen die autonomen Gemeinden geht verstärkt weiter und fordert im Monat August vier Tote und über zwanzig Verletzte.
CronostartDezember 2002
 Die von der Räumung durch Militär und Polizei bedrohten Gemeinschaften in Montes Azules bitten die EZLN um Unterstützung. Die 42 räumungsbedrohten Siedlungen, in denen etwa 25.000 meist zapatistische Indigenas wohnen, haben sich dazu entschieden, in den Montes Azules zu bleiben, »auch wenn dies ihr Leben kosten sollte«.

In seiner Antwort warnt Marcos die Regierung, dass die EZLN im Fall von Auseinandersetzung ihre Kriegserklärung nicht erst wiederholen würde.
Cronobereich2003
Cronostart01.01.2003
Nach zweijährigem Schweigen meldet sich die EZLN wieder in der Öffentlichkeit. Mehr als 20.000 Indígenas und Campesinos besetzen mit einer Großdemonstration den völlig überfüllten Hauptplatz von San Cristóbal de las Casas, um die Botschaften der Comandantes Esther, David, Fidelia, Omar, Mister und Bruce Lee zu hören. »Wir kommen um ihnen zu sagen, dass wir hier sind und weiterhin leben. Wir haben uns nicht ergeben. Wir sind weder gespalten noch zerstritten«, wenden sich die Comandantes gegen »die Lügen der schlechten Regierung«. »Dieser Kampf hat kaum begonnen«, sagt David in der letzten Ansprache der zapatistischen Comandantes: »Zünden wir ein großes Licht an, damit die Völker sehen, dass wir die Rebellion weiterführen.«
CronostartJanuar 2003
12 nationale und regionale Organisationen land- und forstwirtschaftlicher Produzenten schließen sich zur Bewegung »El Campo no aguanta más« (Mehr erträgt der ländliche Raum nicht) zusammen.
CronostartApril 2003
Lino Korrodi, der Mann, der sich um die Finanzierung der Wahlkampagnen von Vicente Fox kümmert, seit dieser Gouverneurskandidat für den Bundesstaat Guanajuato war, gibt zu, dass Fox die Präsidentschaftswahl ohne das für seine Wahlkampagne benutzte Schwarzgeld nicht gewonnen hätte.
CronostartJuli 2003
Die Wahlen zum Abgeordnetenhaus verlaufen einigermaßen regulär, der zapatistische Aufruf zum Wahlboykott senkt die Wahlbeteiligung jedoch auf peinliche 40 % (in Chiapas sogar 30 %). Das nebensächliche Ergebnis: PAN 31%, PRI 34%, PRD 18%.
Cronostart09.08.2003
Mehr als 10.000 Zapatisten feiern in Oventik den »Tod der Aguascalientes und die Geburt der Caracoles« als Beginn einer neuen Strategie des Widerstandes und Ausweitung der Autonomie.

In den fünf »Caracoles« (dt.: Meeresschnecken), die jeweils sieben municipios umfassen, befinden sich die »juntas de buen gobierno« (dt.: Räte der Guten Regierung). Diese Räte werden durch je zwei »autoridades« (MandatsträgerInnen) der municipios gebildet. Ihre Aufgaben liegen darin, für die Einhaltung der revolutionären Gesetze der EZLN und ihrer Gemeinden zu sorgen, Streitigkeiten zu schlichten, den Austausch mit der Zivilgesellschaft zu koordinieren und eine den eigenen Bedürfnissen entsprechende Verteilung der Hilfsprojekte zu erreichen.

Das Bild der Schnecke verdeutlicht die Bemühungen, eine autonome Selbstverwaltung des gehorchenden Regierens zu verwirklichen. Durch den Eingang in das Schneckenhaus, der die Tür zu einer kollektiven Entscheidungsfindung darstellt, und die Spirale des politischen Diskurses sollen alle Stimmen gehört werden, um schließlich im Zentrum zu einem Konsens zusammenzukommen. Umgekehrt werden getroffene Beschlüsse durch die Spirale des Schneckenhauses wieder in die Welt getragen.

Zur gleichen Zeit moderiert Sup Marcos das erste auf Kurzwelle international gesendete Programm von »Radio Insurgente - die Stimme der EZLN« und verkündet das Ende seiner kurzzeitigen Sprecherrolle für die Räte der guten Regierung, deren Vertreter nun bei Bedarf selbst sprechen würden. Ebenso kündigt er die Auflösung aller EZLN-Strassenkontrollen in Chiapas an, eine Überprüfung von Fahrzeugen erfolge nur noch beim Verdacht auf Schmuggel von Drogen, Waffen oder Edelhölzern. Dieser Entschluß sei gefasst worden, weil jede gute Regierung, so Marcos, mit der Vernunft und nicht mit der Armee regieren sollte.
Cronostart15.09.2003
Die Gipfelkonferenz der Welthandelsorganisation (WTO) in Cancún scheitert nach einer knappen Woche unter dem Jubel zehntausender Demonstranten. Zum ersten Mal präsentieren sich die VertreterInnen der »Entwicklungsländer« selbstbewußt und fordern die Berücksichtigung ihrer Interessen.
Cronostart12.10.2003
VertreterInnen der Zivilgesellschaft präsentieren das Ergebnis einer Volksbefragung, an der über 100.000 Menschen sich mit 99 % gegen die Freihandelsabkommen NAFTA, ALCA und den Plan Puebla Panamá aussprachen.
Cronostart16.10.2003
Bartolome Salas, Mitglied des »Indigenen Volksrates von Oaxaca – Ricardo Flores Magón« (CIPO-RFM), wird während eines Überfalls von etwa 50 Paramilitärs auf die Gemeindeversammlung des kleinen Ortes Santa María Yavinche getötet, neun weitere Personen durch Schüsse verletzt. Die Angreifer erhielten laut CIPO finanzielle und logistische Unterstützung durch Jose Murat, den Gouverneur von Oaxaca, trugen Armeeuniformen und benutzten Waffen, »die exklusiv der Armee vorbehalten sind«.

Kurz vor dem Angriff erst hatte der CIPO-RFM in Santa María Yavinche seine politische Autonomie von staatlichen Strukturen erklärt, »um unsere Erde zu verteidigen und gegen die Megaprojekte des Plan Puebla Panama und der Freihandelszone ALCA zu kämpfen«. Der Angriff Mitte des Monats war kein Einzelfall. Am 5. Oktober wurde Estela Ambrosio Luna von der »Koordination der Kaffeeproduzenten von Oaxaca« (CEPCO) mit vier Schüssen getötet. Am 17. August hatten »unbekannte Täter« den Rechtsanwalt Carlos Sanchez, Führungspersönlichkeit der lokalen »Arbeiter-, Bauern und Studentenkoalition« (COCEI) brutal erschlagen.

»Überall dort, wo sich die Bevölkerung demokratisch und basisbezogen organisiert, antworten die lokalen und überregionalen Eliten mit der Gründung paramilitärischer Gruppen, um ihre ökonomischen und politischen Interessen zu sichern«, beklagte der Aktivist und ehemalige politische Gefangene Juan Sosa. Die PRI-Regierung unter Murat, der sich öffentlich gerne als »Freund der Indígenas« präsentiert, spiele ein doppeltes Spiel, »denn sie steht in unmittelbarer Verbindung mit der paramilitärischen Gewalt«. Sosa, selber Folteropfer, beklagte, dass Polizei und Militär soziale Aktivisten oft festnehmen, um unter Gewaltanwendung Geständnisse unterzeichnen lassen. Aufgrund dieser Dokumente würden die Menschen dann unschuldig und für lange Zeit inhaftiert. 120 Menschen bereisten als Vertreter von mehr als 20 sozialen Organisationen Ende November mehrere Regionen des Staates in einer Protestkarawane, um der Gewalt, Repression und Straflosigkeit in Oaxaca zu begegnen.
Cronobereich2004
Cronostart01.01.2004
Die EZLN feiert gemeinsam mit Unterstützungsgruppen auf der ganzen Welt den 10. Jahrestag seit Beginn des Aufstands. Paramilitärs drohen mit neuer Gewalt, während die »Räte der Guten Regierung« immer stärker auch von Nicht-Zapatisten anerkannt werden.
Cronostart14.01.2004
Rund 1.500 PolizistInnen stürmen Tlalnepantla (südlich von Mexico City, Bundesstaat Morelos) und lösen die autonome Regierung auf, die den »offiziellen« Bürgermeister Lías Osorio für abgesetzt erklärt hatte, auf. Ein Mensch wird bei dem brutalen Einsatz getötet, unzählige verletzt, viele sind seither verschwunden oder wurden inhaftiert, während der größte Teil der Bevölkerung in die nahegelegenen Berge oder in die benachbarten Dörfer flüchtete.
Cronostart24.01.2004
Mehr als 600 Campesinos werden durch die Polizei von den Grundstücken Los Cerros und Los Cerritos in Suchiate, nahe der Grenze zu Guatemala, vertrieben, die sie seit 11 Jahren besetzt hielten. Regierungsminister Rubén Velázquez López erklärt: »Diese Regierung wird keine weitern Landbesetzungen dulden, sie wird sich aber durch die Einhaltung der Menschenrechte während den Zwangsräumungen außerordentlich hervortun.«

In Nuevo San Rafael, einem Flüchtlingsdorf in den Montes Azules, werden 23 Häuser niedergebrannt (praktisch das komplette Dorf) und sämtliche BewohnerInnen vertrieben.

MenschenrechtsbeobachterInnen werden von der Militärpolizei nicht in die Gemeinde gelassen. Auch im Ejido Emiliano Zapata werden Übergriffe durch staatliche Einheiten befürchtet.
Cronostart30.01.2004
Die BewohnerInnen von San Isidro kündigen wie viele der rund 40 weiteren Gemeinden in den Montes Azules an, ihr Land, falls es notwendig sein sollte, mit Blut zu verteidigen.

Luis Gabriel Sanchez, Sprecher der Kommission für Ökologie und der Grünen Partei, fordert die Ausweisung aller internationalen Beobachter, die »ihr Touristenvisum dazu mißbrauchen, die Guerilla zu unterstützen.« Inzwischen steigt die Zahl der Militärpatrouillen in der Gegend dramatisch an. MenschenrechtsbeobachterInnen befürchten eine bevorstehende Räumung und bitten um internationale Aufmerksamkeit.
Cronostart16.02.2004
Die Summe der von EmigrantInnen (hauptsächlich aus den USA) heimgeschickten Gelder macht nach Angaben der mexikanischen Zentralbank mehr als 13 Milliarden Dollar aus und ist damit nach dem Export von Erdöl die wichtigste Devisenquelle. 77% dieses Geldes werden für den Kauf von Grundnahrungsmitteln verwendet.
CronostartMärz 2004
Das regierungstreue Zentrum für Forschung und soziale Sicherheit (CISEN - Centro de Investigación y Seguridad Nacional) berichtet, daß die EZLN in den vergangenen vier Monaten die Camps zur »militärischen Schulung« von 8 auf 20 und die Zahl der MilizionärInnen von 700 auf über 2.000 erhöht habe.
José Luis Solís Cortés, Kommissar der Präventiven Bundespolizei (PFP) in Chiapas, fügt hinzu, dass man ebenfalls wisse, dass eine »zapatistische Polizei« geschaffen wurde, die »mit Knüppeln« ihre Funktion zur Aufrechterhaltung der Ordnung in der Zone erfüllt.

Weitere - ebenso altbekannte wie offensichtlich falsche - Vorwürfe des Drogenhandels und der Schlepperei sollen anscheinend eine neue »Bedrohung« Mexikos durch die Zapatistas in den bürgerlichen Medien vermitteln.

Die Lokalregierung von Chiapas unter Pablo Salazar bezeichnet diese Spekalutationen als unverantwortlich und fügt hinzu: »Weder die Situation noch die bekannten Bedingungen für alle bekannten politischen AkteurInnen, Organisationen und Kommunikationsmedien haben sich verändert. Man stellt keinerlei Anzeichen militärischer Art fest, im Gegenteil, die EZLN beschäftigt sich mit Formen politischer Organisierung, die sie im August 2003 öffentlich präsentierte, bekannt als die Juntas der Guten Regierung«.

Nach den politischen Erfolgen der Zapatistas vom vergangenen Jahr − v.a. der De-facto-Autonomie in ihren Gebieten − scheint sich die Regierung in Zugzwang zu sehen und versucht, durch den Aufbau von Bedrohungsszenarien mögliche Angriffe gegen die EZLN legitimieren zu können und die weithin anerkannte moralische Integrität der Zapatistas zu beschädigen.

Propaganda-Aktivitäten wie diese sind seit 1994 Teil der Aufstandsbekämpfung, die die Eliten Mexikos immer wieder vorantreiben. Dieser sogenannte »Krieg der niederen Intensität« besteht aus Militäreinsatz, Unterstützung paramilitärischer Gruppen, erheblichen Geldzuwendungen an rebellische Gemeinden, um sie zu »bekehren« und zu spalten, sowie aus massiver Desinformation und wird hohen mexikanischen Offizieren an US-amerikanischen Militärschulen gelehrt.
CronostartApril 2004
Das Internationale Rote Kreuz kündigt an, Chiapas innerhalb der nächsten drei Monate zu verlassen und seine Bemühungen anderen Bevölkerungen zu widmen, die wie in Kolumbien und Irak unter den Zerstörungen kriegerischer Konflikte leiden.
Cronostart10.04.2004
4.000 Zapatistas werden in Zinacantán nahe Oventik von Mitgliedern der PRD mit Steinwürfen, Feuerwerkskörpern und Schußwaffen angegriffen, als sie von einer Demonstration zur Unterstützung von rund 70 zapatistischen Familien zurückkehren, denen vom PRD-Bürgermeister die Wasserzufuhr abgestellt wurde. Es ist der schwerste Angriff auf die Anhänger des zapatistischen Befreiungsheers EZLN seit Jahren (20 Verletzte, 2 Schwerverletzte).
Cronostart19.04.2004
Pável Gónzalez, Aktivist im Streik der UNAM und der Kooperative Smaliyel, wird in Mexiko-Stadt entführt, gefoltert, vergewaltigt und ermordet.
Cronostart25.04.2004
101 indigene Familien kehren unter dem Schutz von MenschenrechtsbeobachterInnen, dem Rat der Guten Regierung von Oventik und EZLN-VertreterInnen in ihre zerstörten Häuser in Zinacantán zurück.
Cronostart17.05.2004
Die Grüne Ökologische Partei (PVEM) fordert die Räumung der zapatistischen Dörfer in Montes Azules und die Ausweisung von »Unruhe stiftenden Ausländern«.

Am selben Tag verkündet das Ministerium für soziale Entwicklung ein gemeinsames Projekt der EU und der mexikanischen Regierung in Höhe von 31 Millionen €, mit denen »die nachhaltige Entwicklung der Selva Lacandona« gefördert werden soll.
Cronostart07.06.2004
Eduardo Vázquez Álvaro, Indígena-Aktivist und Mitglied der zapatistischen Gefangenenorganisation »Die Stimme des Cerro Hueco«, wird im Stadtzentrum von Chilón ermordet. Fünf Männer aus zwei Autos verletzen Eduardo zunächst mit Schußwaffen und Macheten und überrollen schließlich seinen leblosen Körper. Hunderte Zapatistas und SympathisantInnen beschuldigen am nächsten Tag in einer Großdemonstration lokale Großgrundbesitzer und Kaziken, als Drahtzieher für den Mord verantwortlich zu sein. Polizei- und Militäreinheiten, die durch die Ortschaft patroullieren wollen, müssen sich unter einem Steinhagel der Demonstrierenden zurückziehen.
CronostartJuli 2004
Verstärkte Repression gegen die AktivistInnen des CIPO-RFM in Oaxaca: Nach gewaltsamen Übergriffen am 10. Juli in Cruz Huatulco durch PRIistas und Polizeieinheiten wird Edgar Torija Pérez in Etla am 11. Juli beim Plakatieren überrascht und durch Messerstiche tödlich verwundet. Einen Tag darauf werden mehrere CIPO-AktivistInnen in Santa Cruz Hutulco durch PRIistas verletzt und Pedro Cruz Salazar (beide CIPO-Aktivisten) in Yocunicuca (Gemeinde Yosonotu) durch Paramilitärs aus Santa Lucía Monteverde ermordet. Am Tag darauf tauchen die Mörder erneut in der indigenen Gemeinde auf, feuern um sich und drohen mit weiteren Anschlägen.

Als Reaktion darauf stürmen am 15. Juli mehr als 1.000 Indígenas mit brennenden Fackeln mehrere öffentliche Gebäude in Tlaxiaco, Nochixtlán, Etla, Ixtlán und Oaxaca. Die Besetzungen verlaufen friedlich, phantasievoll und entschlossen. Lediglich dem Obersten Gerichtshof gelingt es, rechtzeitig die Eingangstüren zu verschließen, und so genügen sich die DemonstrantInnen damit, das Gebäude zu umzingeln.

Die Aufforderung zum Dialog wird jedoch von sämtlichen Regierungsvertretern ignoriert, daher schließen sich die protestierenden Indígenas den Mahnwachen an mehreren öffentlichen Plätzen in der Stadt an, die seit dem 20. April ausharren und Gerechtigkeit und ein Ende der Repression fordern.
Cronostart06.08.2004
Das Ya-Basta-Netz demonstriert in Berlin gegen die Repression in Mexiko.
Cronostart09.08.2004
6.000 Menschen feiern in Oventik ebenso wie in den anderen Caracoles das einjährige Bestehen der Räte der Guten Regierung mit feurigen Reden, Musik, Tanz und Basketballturnieren.

Subcomandante Marcos präsentiert eine ebenso ausführliche wie selbstkritische Bilanz.
CronostartSeptember 2004
Um die Verteidigung ihres Wassers zu sichern, gründen Mazahua-Frauen im Bundesstaat Mexiko ein zapatistisches Frauenheer.
CronostartOktober 2004
In Absprache mit dem Rat der Guten Regierung in La Realidad verlassen die zapatistischen Familien von San Isidro ihr Dorf in den Montes Azules als Flüchtlinge, um der Konfrontation mit den Behörden auszuweichen und sich näher am Caracol der Region anzusiedeln. Der Rat der Guten Regierung wiederholt jedoch die Warnung, dass jede Zerstörung der Natur und Ausbeutung der Ressourcen auf entschiedenen Widerstand der Indígenas stoßen werde. Die Zivilgesellschaft wird dringend gebeten, die Flüchtlinge zu unterstützen, die damit ihre gesamte Lebensgrundlage erneut verloren haben.
Cronobereich2005
CronostartMai 2005
Die EZLN gibt bekannt, dass die Umsiedlung der aus den Montes Azules vertriebenen Dörfer abgeschlossen ist.
CronostartJuni 2005
In mehreren aufeinanderfolgenden Comunicados ruft die EZLN den roten Alarm für sämtliche zapatistische Truppen und ihr gesamtes Gebiet aus, während in den Dörfern über den Eintritt in eine neue Phase des zapatistischen Aufstands beraten wird.

Als Ergebnis der Consulta veröffentlicht Marcos die Sechste Erklärung aus dem Lakandonischen Urwald, mit der alle linken oppositionellen Menschen und Organisationen zur Bildung eines breiten Bündnisses aufgerufen werden.
CronostartSeptember 2005
Den ganzen September über wird in Treffen der Zivilgesellschaft (tausende VertreterInnen von indigenen Organisationen, Gewerkschaften, Bauernverbänden sowie anderen linken Gruppen) mit der EZLN über den Aufbau der »Anderen Kampagne« beraten. Sämtliche UnterstützerInnen der »Sechsten Erklärung« sollen sich dieser mexikoweiten Allianz als »Alternative zur neoliberalen Zerstörung« anschließen und Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit (zumindest) für ganz Mexiko fordern. In scharfen Worten wird das politische System und insbesondere die PRD für ihre Lügen und den Verrat an den Indígenas kritisiert.
CronostartDezember 2005
Letzte Vorbereitungen für den Start der ersten Delegation der Anderen Kampagne.

In Bezug auf Sicherheitsmaßnahmen seitens der Regierung verkündet die EZLN: »Wir werden uns von jenen, die uns immer mit Verachtung und Anmaßung behandelt haben, nichts erhoffen oder erbitten«. Während die Regierung vorgibt, Reisefreiheit zu gewähren, berichten die Räte der Guten Regierung und unabhängige Nachrichtendienste von umfangreichen Truppenbewegungen und Straßensperren durch die Bundesarmee.

Ein Team von unabhängigen Journalisten kündigt an, diese Reise zu begleiten.

Radio Insurgente wird von der EZLN an die zivilen Unterstützungsbasen übergeben. Um die Trennung zwischen den politisch-militärischen und den zivilen demokratischen Strukturen fortzusetzen, sollen in den kommenden Monaten indigene zivile zapatistische Frauen und Männer in Technik und Radioproduktion ausgebildet werden.
Cronobereich2006
Cronostart01.01.2006
Subcomandante Marcos begibt sich als Subdelegat Null als erster offizieller Vertreter des »Sechsten Komitees« der EZLN auf eine Rundreise, die ihn durch sämtliche Bundesstaaten Mexikos führen soll. Die neue demokratische Initiative hat begonnen!
Cronostart06.01.2006
Subcomandante Marcos befindet sich im Rahmen der Anderen Kampagne gerade im Saal der Organisation Frente Cívico in Tonalá, als er vom Tod der Kommandantin Ramona erfährt: »In meiner Funktion als Sprecher der EZLN gibt es sehr schwierige Momente, wie diesen hier. Mir wurde soeben mitgeteilt, dass heute morgen die Kommandantin Ramona verstorben ist.«

Vor den Zuhörern, denen die Betroffenheit anzusehen war, fügte er hinzu: »Wir wissen, was alle wissen. Die Kommandantin Ramona hat dem Tod 10 Jahre gestohlen. Dank der Unterstützung von Menschen wie euch konnte sie operiert werden und bekam eine neue Niere. Heute morgen litt sie unter Erbrechen, Durchfall und Blutungen, und auf dem Weg nach San Cristóbal verstarb sie. Es gibt in einer solchen Situation keine Worte, aber ich kann sagen, dass die Welt eine jener Frauen verloren hat, die neue Welten gebären. Mexiko hat eine Kämpferin verloren, wie es nur wenige gibt, und wir haben ein Stück unseres Herzens verloren.«

Hier versagt Marcos die Stimme: »In einigen Minuten wird das Caracol von Oventic geschlossen, und wir werden den Tod dieser Compañera in privatem Kreise betrauern. Wir hoffen auf das Verständnis der Journalisten und bitten darum, ihren Tod nicht in ein Medienereignis zu verwandeln.«

Ramona war bereits beim »Aufstand vor dem Aufstand« − beim Entwurf und der Durchsetzung der »Revolutionären Frauengesetze« der EZLN − federführend und ein Symbol für die Beteiligung der Frauen an der zapatistischen Rebellion. Beim Aufstand der Zapatistas im Januar 1994 befehligte sie die Einnahme von San Cristóbal und nahm anschließend an den ersten Friedensverhandlungen mit der Regierung teil.

1996 verkündete die EZLN, dass sie den militärischen Belagerungsring durchbrechen werden und mit einer Delegation an der Gründung des Nationalen Indigenen Kongresses in Mexiko Stadt teilnehmen würden. Als Präsident Zedillo mit der Verhaftung jedes Zapatistas ausserhalb des Konfliktgebietes drohte, liess die EZLN verlauten, dass sie ihre »gefährlichste Waffe« auf diese Mission senden würden: Der verblüfften Öffentlichkeit wurde Comandanta Ramona, die kleine, kaum spanisch sprechende Tzotzil-Indígena aus dem Bezirk San Andrés vorgestellt.

Nach ihrer Nierentransplantation zog sich Ramona aus der Öffentlichkeit zurück, bis sie im Herbst 2005 an der ersten Vollversammlung der »Anderen Kampagne« im lakandonischen Urwald teilnahm. Ramona galt als erste Beraterin von Marcos und setzte sich zeitlebens für die Wertschätzung der Frauen ein.
CronostartMärz 2006
Die Regierung antwortet auf die Andere Kampagne mit Repression. Verantwortliche des Autonomen Landkreises »Rubén Jaramillo« in der Nordzone von Chiapas melden, dass die mexikanische Armee drei Straßensperren in der besagten Region reinstalliert hat, um UnterstützerInnen der EZLN und der »Anderen Kampagne« zu belästigen.
CronostartApril 2006
Die Zapatistische Nationale Befreiungsarmee, EZLN ruft alle AnhängerInnen der »Sechsten Erklärung« dazu auf, Widerstand gegen die zunehmende und vertuschte Repression gegen die sozialen AktivistInnen der »Anderen Kampagne« zu organisieren.

»Im gesamten Land gibt es im Zuge des verschleierten, repressiven Klimas gegen die Andere eine systematische Verweigerung des Zugangs zu Rechten, die durch die zynische und unmoralische Komplizenschaft der schlechten Regierungen und der Reichsten des Landes geschaffen wird. Die »Andere Kampagne« hat eine grosse Menge von Anzeigen über Belästigungen, Inhaftierungen und Beschlagnahmungen gegen Sympathisanten/tinnen und Änhänger/innen der »Sechsten«, sowie gegen andere soziale Kämpfer/innen erhalten. Unserer Auffassung nach wird der Wahlkampf vom Staat und den Gruppierungen der politischen und ölonomischen Macht, die ihn lenken und kontrollieren, dazu benutzt, neue Szenarien der Repression zu schaffen. Die Fabrizierung von Vergehen, willkürlicher Freiheitsentzug, Drohungen, Folter, Verschwindenlassen und Mord, ebenso wie die illegale Beschlagnahme von Konten legaler, ziviler und friedlicher Organisationen, die mit sozialen Fällen befasst sind, sind andauernd und definieren die Falschheit der sogenannten »Demokratisierung« des politischen Lebens in unserem Land«.

Zudem ergeht der Aufruf, eine detaillierte Liste der erfahrenen Repressionen zusammenzustellen, um die Arbeit derer zu erleichern, die im rechtlichen Bereich für das Andere Mexiko kämpfen.

Gleichzeitig versammelten sich gewählte RepräsentantInnen von 46 Nichtregierungorganisationen aus 21 chiapanekischen Gemeinden auf dem staatsweiten Treffen gegen Repression. Die ca. 150 Delegierten beschlossen die Bildung eines Kommunikationsnetzes und ein koordiniertes Antworten auf die repressive Vorgehensweise der verschiedenen Regierungsebenen. Auf dem Forum wurde zudem die Repression gegen die Zahlungsverweigerer der gestiegenen Strompreise angeklagt und diejenigen verteidigt, die sich weigern, an dem zu Landraub führenden Agrarzertifizierungsprogramm teilzunehmen.
Cronostart20.04.2006
Samuel Ruiz, ehemaliger Bischof von San Cristóbal de las Casas, protestiert gegen die steigende Zahl an Menschenrechtsverletzungen in Chiapas und klagt an: »Die Behörden ändern nichts an dieser Situation − im Gegenteil, sie legitimieren diese Menschenrechtsverletzungen sogar, sodass die Worte Im Rahmen der Legalität, die wir häufig hören und lesen, etwas völlig anderes bedeuten als Im Rahmen der Gerechtigkeit«. Raúl Vera López, Bischof von Saltillo, Coahuila, denunzierte die paramilitärischen Gruppen: »Sie sind da und werden weiterhin mit dem organisierten Verbrechen in Verbindung gebracht, das sich Paramilitarisierung nennt und ebenso verschwiegen wird wie das Thema der Folter und das der Vertreibung der Menschen durch den Hurrikan Stan oder von den Paramilitärs«.
Cronostart03./04.05.2006
Ein brutaler Polizeieinsatz gegen Blumenhändler in Texcoco (nahe Mexiko Stadt) stellt die Andere Kampagne vor eine erste große Kraftprobe. Der Terror von mehr als 3.000 staatlichen Einsatzkräften führt zu mehr als 200 Gefangenen und Dutzenden Schwerverletzten. Hunderte Menschen werden mißhandelt und gefoltert, weibliche Gefangene systematisch vergewaltigt.

Faustino Acevedo Bailón, Schatzmeister des Volksgemeinderats Blaseña Zapoteca, der am IV. Nationalen Indígena-Kongress am 5. und 6. Mai im Bundesstaat Mexiko teilnehmen wollte, wird in der Nähe seines Wohnhauses von zwei Unbekannten mit Pistolen überfallen und ermordet.
Cronostart02.06.2006
An der ersten Mega-Demonstration in Oaxaca nehmen 80.000 Menschen teil.
Cronostart07.06.2006
Alexis Benhumara erliegt den Folgen seiner Kopfverletzung durch eine von der Polizei verschossene Tränengasgranate. Der 20jährige Student erhielt erst nach über 10 Stunden erste ärztliche Hilfe, da die Polizei ihren Belagerungsring um Salvador Atenco zusammengezogen hatte, und wurde mit einer doppelten Schädelfraktur und offenliegender Gehirnmasse ins Krankenhaus eingeliefert. Am 12. Mai wurde sein Gehirntod diagnostiziert.

Unzählige Menschenrechtsorganisationen erklärten: »Der Staat muss sich für seine Rolle bei der Ermordung von Alexis Benhumea verantworten, da die Ermittlungen beweisen, dass das Gasprojektil aus nächster Nähe abgeschossen wurde, als Todesschuss.«

Zweite Mega-Demo in Oaxaca: Mehr als 200.000 Menschen erklären Ulises Ruiz für abgesetzt.
Cronostart14.06.2006
Die Regierung von Oaxaca unter Ulises Ruiz schickt 13.000 Polizisten, um den anhaltenden Protest der Lehrer zu beenden, die seit dem 22. Mai den Hauptplatz von Oaxaca-Stadt besetzt halten. Der Einsatz endet mit mindestens 3 Todesopfern, 90 Festnahmen und 190 Verletzten.
Cronostart16.06.2006
Zwei Tage später versammeln sich rund 300.000 Menschen zur größten Protestaktion in der jüngeren Geschichte Oaxacas. Die 3. Mega-Demo zieht über sechs Stunden durch die Landeshauptstadt und ist mehr als 15 Kilometer lang.
CronostartJuli 2006
Aus dem Lehrerstreik entwickelt sich ein Volksaufstand: Mehr als 30 Rathäuser werden besetzt, öffentliche Straßen, Plätze und Gebäude blockiert. Ungefähr 350 Organisationen, indigene Gemeinden, Gewerkschaften und bürgerliche Zusammenschlüsse gründen die Oaxakenische Volksversammlung (Asamblea Popular del Pueblo de Oaxaca, APPO) und erklären die offiziellen Regierungen für illegitim.
Cronostart02.07.2006
Die Präsidentschaftswahlen enden nach offizieller Version mit 40% Stimmenthaltung und einem hauchdünnen Vorsprung des PAN-Kandidaten Calderon gegen seinen Herausforderer Lopez Obrador von der PRD. Die Opposition spricht von massivem Wahlbetrug der regierungsnahen Wahlbehörde IFE und fordert eine Neuauszählung. Polizisten geben an, tagelang Wahlkarten ausgefüllt zu haben, die kritische Tageszeitung La Jornada veröffentlicht Photos von Wahlunterlagen, die auf einer Müllhalde gefunden wurden, und in Oaxaca werden zwei PRD-Kandidaten erschossen. Einzig EU-Kommissarin Benita Ferrero-Waldner bescheinigte den Wahlbehörden »Professionalität, Transparenz und Unabhängigkeit«.

Die Gouverneurswahlen in Chiapas enden mit einem knappen Sieg des PRD-Kandidaten Juan Sabines mit etwa 0,3 % vor Bodegas (PRI), beide erhalten etwa 48% der gültigen Stimmen, mehr als 60% der Wahlberechtigten verzichten darauf, einen der angetretenen Kandidaten durch ihre Stimme zu unterstützen.
Cronostart11.07.2006
Nach 10 Jahren im Gefängnis treten Angel Concepción Pérez Vázquez und Francisco Pérez Gutiérrez − die zwei zapatistischen indigenen Gefangenen von Tacotalpa (Tabasco) − in den Hungerstreik. Sie fordern ihre eigene Freilassung ebenso wie die der Gefangenen von Atenco und aller politischen Gefangenen im ganzen Land.

Am selben Tag stellt die Staatsanwaltschaft ihre Untersuchungen wegen der sexuellen Übergriffe von Polizisten von Atenco ein, da viele der Frauen die Täter »nicht eindeutig identifizieren« können. Gegen 21 Beamte (von 2.000) werden jedoch Verfahren wegen »Amtsmißbrauchs« eingeleitet.
Cronostart13.07.2006
In der Gemeinde Caucel (Yucatán) stellen sich die BewohnerInnen den Baumaschinen in den Weg, die im Zug des Metropolisur-Projekts (Geschäftsviertel, Wohnhäuser, Kläranlage, Flughafen, ...) das letzte Stück Ejido-Land roden wollen. Mehr als 40 Mayas werden gewaltsam festgenommen.
Cronostart17.07.2006
Erste Zensur für »Radio Insurgente - La voz de los sin voz«: Radio 620 beugt sich dem massiven Druck der mexikanischen Regierung und verzichtet auf die geplante Ausstrahlung eines Interviews mit SubMarcos.
Cronostart20.07.2006
Am frühen Morgen wird das Wohnhaus von Alejandro Cruz López, Mitglied der APPO, Gründer und Anwalt der indigen-bäuerlichen Menschenrechtsorganisation OIDHO, mit Molotovcocktails angegriffen.
Cronostart22.07.2006
20 Personen schiessen mit großkalibrigen Waffen auf die Einrichtungen von Radio Universidad. Das Haus von Enrique Rueda Pacheco, Generalsekretär der Sección 22 der nationalen Lehrergewerkschaft wird mit Molotovcocktails beschossen.
Cronostart01.08.2006
Der Fersehsender Canal 9 wird von oaxakenischen Frauen friedlich besetzt und geht auf Sendung.
Cronostart03.08.2006
Die zapatistische Gemeinde Chol de Tumbala (im Norden von Chiapas), in der 30 Familien seit 1999 leben, wird gewaltsam von der Polizei geräumt und mit Traktoren und Motorsägen zerstört.
Cronostart07.08.2006
Die Regierung schickt Spezialeinheiten der Polizei, um die Volksbewegung in Oaxaca (APPO) zu zerschlagen, die noch immer mehrere Regierungsgebäude und öffentliche Plätze besetzt hält. Die APPO ruft den roten Alarm aus und ruft alle Menschen dazu auf, den Protest zu verstärken und der »faschistischen (ehemaligen) Regierung« Widerstand zu leisten.

Von einem Motorrad aus wird Marcos García Tapia, Mitglied der APPO, Zahnarzt und Professor an der Universität von Oaxaca, erschossen.
Cronostart08.08.2006
Die Sendeanlagen von »Radio Universidad« werden mit Säure übergossen.
Cronostart09.08.2006
Drei Aktivisten der Organisation »Unabhängige vereinende Bewegung des Kampfes der Triqui« (Movimiento Unificador de Lucha Triqui Independiente − MULTI) und der Volksversammlung in Oaxaca (Asamblea Popular del Pueblo de Oaxaca − APPO) sowie ein Kind werden in einem Hinterhalt auf der Straße ermordet. Die Compañeros sind in einem weißen Pick-up in der Nähe des Dorfes Paraje Pérez unterwegs, als sie gegen 13 Uhr von Unbekannten mit Schusswaffen angegriffen werden.

Zur selben Zeit werden drei Mitglieder der Organisation »Frente Popular Revolucionario« in der Gemeinde Santa Lucía del Camino am Rande von Oaxaca-Stadt durch zivil gekleidete Personen auf der Straße überfallen und entführt.

Bereits gegen 7.30 Uhr werden die Gebäude der Tageszeitung »Noticias Voz e Imagen de Oaxaca« ebenfalls mit Schußwaffen angegriffen, Geräte gestohlen und mehrere Personen verletzt.
Cronostart10.08.2006
Wenige Minuten vor dem Ende einer Demonstration gegen den »schmutzigen Krieg« der Regierung wird diese mit Schusswaffen angegriffen. Zwei Personen werden verletzt und José Jimenez Colmenares wird durch einen Schuss, der ihn ins Herz trifft, getötet. Es »verschwinden« die Compañeros Juan Gabriel Ríos und Elonaí Santiago Sánchez, beide Lehrer, sowie der Biologe Ramiro Aragón Pérez. Sie waren dabei, nach den Entführten vom Vortag zu suchen.
Cronostart11.08.2006
José Jiménez Colmenares wird bei einer Demonstration durch mutmaßliche Polizisten erschossen.
Cronostart12.08.2006
Evangelio Mendoza González, einer der führenden Vertreter der oaxakenischen Volksversammlung APPO, wird von zivil gekleideten Polizisten in der Gemeinde Santa María Atzompa (ca. 20 Kilometer von Oaxaca-Stadt) festgenommen. Der Verhaftete denunziert verstärkte Repression gegen die APPO und meint, »Dies ist kein Problem – der Gouverneur Ulises Ruiz Ortiz wird nicht genügend Gefängnisse haben, um alle einzusperren, die sich gegen seine Regierung auflehnen.« Obwohl die APPO sofort alle Ausfahrtstrassen blockierte und jedes Auto genau untersuchte, konnte der Entführte bisher nicht aufgespürt werden. Die drei entführten Mitglieder der APPO, der Biologe Ramiro Aragón Pérez und die beiden Lehrer Elinoai Santiago Sánches und Juan Gabriel Ríos, werden in Ejutla (Oaxaca) in Gefangenschaft der PGR (Procuraduría General de la Republica) aufgefunden. Die Kommission für Menschenrechte (CDH) kann die Gefangenen besuchen und bestätigt, dass diese gefoltert wurden. Die drei wurden von Mitgliedern der »Secretaria Para la Protección Ciudadana« in Oaxaca und vom AFI (Agencia Federal de Investigación", das ist das mexikanische FBI) entführt, in eine verdeckte Operationsbasis verschleppt und dann der PGR übergeben.
Cronostart13.08.2006
Der Erzbischof von Oaxaca ruft die Regierung Mexikos zu einer dringenden Intervention in Oaxaca auf, um »der Gewalt Einhalt zu gebieten«.
Cronostart14.08.2006
Die Ex-Regierung Ulises bestätigt, dass sich die vor einigen Tagen entführten Aktivisten Erangelio Mendoza Gonzáles (Sektion 22 der LehererInnengewerkschaft SNTE) in Tehuantepec, Ramiro Aragón Pérez (Ornithologe) in Zimatlán, sowie der an den Rollstuhl gefesselte Germán Mendoza Nube in Haft befinden (letzterer »aufgrund seiner besonderen Gefährlichkeit«).
Cronostart15.08.2006
Zwei Polizisten in Zivilkleidung schießen auf die Eingangstüre des Hauses von Flavio Sosa Villavicencio (in San Bartolo Coyotepec). Villavicencio gehört der »Neuen Linken Oaxacas« an und ist Teil der provisorischen Führung der »Volksversammlung Oaxacas« (APPO).

Teile der Gewerkschaften mit rund 80.000 Mitgliedern (Staatsangestellten) drohen mit einem Genralstreik, sollte Ulises nicht noch im August seinen Rücktritt verkünden.
Cronostart16./17.08.2006
In Oaxaca findet das nationale Forum zur Konstruktion der Demokratie und der Regierungsfähigkeit (foro nacional para la construcción de la democracia y gobernalidad) statt. Die Idee ist, an dieser Konferenz zu diskutieren, wie denn eine neue Verfassung in Oaxaca aussehen könnte und wie eine Volksregierung in der Realität funktionieren müsste. Die drei Arbeitsgruppen beschäftigen sich mit (1) Ausrichtung einer neuen Verfassung, (2) Für ein gemeinsames politisches Programm und (3) Eine Politik der Integration und Respekt für die Vielfalt Oaxacas. Rund 900 Personen aus allen Sektoren der Gesellschaft nehmen an diesem Forum teil, das von ca. 10 Radiostationen live über das ganze Land verbreitet und über das Internet auch dem internationalen Publikum zugänglich gemacht wird.

In Atenco wird Ricardo López Espinosa, führender Aktivist der Oppositionsbewegung, verhaftet. In Chiapas steigt die Repression auch gegen das zapatistische Kollektiv und Café »Espiral 7«, dessen MitarbeiterInnen durch Polizisten »in Zivilkleidung und Autos ohne Kennzeichen« belästigt und vefolgt sowie durch Hubschrauber (!) überwacht werden.
Cronostart21.08.2006
Die Sendeanlagen des Radio- und Fernsehkanals »Canal 9«, der am 1. August von oaxakenischen Frauen besetzt wurde, werden von zivil gekleideten Angreifern (vermutlich Polizisten) beschossen. Eine Person, Sergio Vale Jiménez, 48 Jahre, wird dabei schwer verletzt, die Anlage zerstört, der Sendebetrieb verhindert. Als Antwort auf den Angriff besetzt die Volksbewegung unmittelbar darauf und auf friedliche Art und Weise alle wichtigen kommerziellen Radiosender in Oaxaca-Stadt. Von dort aus werden nun Informationen über die soziale Bewegung gesendet. Gebäude der regierungskritischen Regionalzeitung »Noticias« werden von einem bewaffneten Schlägertrupp (etwa 70 Personen) angegriffen, die Volksbewegung befindet sich aufgrund dieser neuerlichen Vorfälle im Alarmzustand. Der öffentliche Nahverkehr ist praktisch komplett zum Erliegen gekommen, bewaffnete Gruppierungen, die der Regierung zugerechnet werden, ziehen durch die Straßen und zünden Fahrzeuge an. Gleichzeitig wird berichtet, dass die Bewegung an Stärke gewinnt. Täglich schließen sich demnach mehr und mehr Organisationen und Gemeinden aus allen Regionen des Bundesstaates Oaxaca der Volksversammlung APPO an. Die APPO ruft die Bevölkerung dazu auf, die ca. 80 besetzten Regierungsgebäude − unter anderem Gerichtsgebäude, das Parlament und den Regierungssitz − verstärkt zu bewachen. Außerdem ergeht ein Aufruf an internationale soziale Organisationen und Menschenrechtsorganisationen, den gerechten und legitimen Kampf der Bevölkerung Oaxacas zu unterstützen.
Cronostart22.08.2006
Ca. 450 Polizeikräfte ziehen in einer »Operation zur Reinigung der Straßen« schießend durch das Stadtzentrum. Die »Sicherheitskräfte«, die bei dieser Aktion an mehreren Besetzercamps Halt machen und Unterstützer einschüchtern, werden z.T. von PRI-nahen Banden unterstützt. Bei Schüssen mit AK-47 Sturmgewehren auf eine unbewaffnete Bewachergruppe eines besetzten Radiosenders wird der 52jährige Architekt Lorenzo Pablo tödlich verletzt. Mehr als 300 Patronenhülsen werden aufgesammelt.

Wenig später werden Polizeiwagen identifiziert, aus denen besetzte Sender angegriffen werden. Dabei gibt es erneut Schussverletzte auf Seiten der Demonstranten. Auf Beschluss der APPO sollen die ca. 500 Barrikaden, die in der Nacht von 21. auf 22. August spontan zum Schutz der Volksbewegung errichtet wurden, in den kommenden Tagen verstärkt werden. Nach wie vor sind vereinzelte Schüsse zu hören.

Auch in anderen Regionen der Bundesstaates, z.B. am Isthmus von Tehuantepec, nehmen die Proteste zu. Mehr und mehr Gemeinden erklären ihre »Autoritäten« für abgesetzt und fordern die Übergabe der Amtsgeschäfte an das Volk. Inzwischen meldet sich auch die katholische Kirche zu Wort: In einer Bittschrift an den Präsidenten Mexikos rufen mehr als 40 Priester, die in Oaxaca ihren Dienst verrichten, Vicente Fox zu einer unmittelbaren Intervention und zu einer friedlichen Konfliktlösung auf. »Es ist nicht mehr zu verbergen«, so der Brief, »dass im Bundesstaat Oaxaca die Regierbarkeit nicht mehr gegeben ist, dass Gewalt und die Repression seitens verschiedener Autoritäten im Bundesstaat ausgeübt werden, dass die Regierung Oaxacas unfähig ist, den sozialen Konflikt zu lösen, dem schon mehrere Menschen zu Opfer fielen, aufgrund dessen mehrere Menschen gefoltert und illegal festgenommen wurden.«
Cronostart23.08.2006
Paramilitärs beschiessen aus Fahrzeugen heraus verschiedene Camps der APPO. Der Zocalo, Radio Oro und Radio La Ley 710 werden angegriffen.
Cronostart24.08.2006
Porfirio Hugo Reyes Núñez, ein weiteres Mitglied der Volksfront zur Verteidigung des Landes Erde (FPDT), aus San Salvador Atenco wird festgenommen und in das Gefängnis von Santiaguito eingeliefert.

An verschiedenen Stellen in Oaxaca-Stadt werden Menschen an den Barrikaden beschossen.
Cronostart27.08.2006
Die Barrikaden werden jede Nacht grösser und zahlreicher und es gibt keine Anzeichen dafür, dass diese bald aufgegeben werden. Teilweise sind die Quartiere derart gut abgeriegelt, dass es selbst für die dort wohnhafte Bevölkerung schwierig ist, in ihre Häuser zu gelangen. Die Urabstimmung der Lehrer und Lehrerinnen der SNTE Sektion 22 ist beendet und zugunsten einer Weiterführung der Protestaktionen in massiver Form ausgegangen.

Das Zweite Indigene Encuentro der Halbinsel von Yucatan richtet eine Botschaft an die Indígenas des Landes, an die Regierungen der Region und an die Bevölkerung von Mexiko: »Die Wege der Würde bewandernd, aus dem Traum der Dunkelheit erwachend, diese lange Nacht bis zur Morgendämmerung der Vergessenen seit mehr als 500 Jahre durchschreitend, wir, Indígenas, die wir in unserem Herzen ein Morgen haben, die wir Kinder des Ceiba Baumes sind, Geschwister des Maises, die wir in unserem Herzen die Farbe der Erde tragen, kommen zusammen um unsere Stimme und unsere Erinnerung zu teilen, um gemeinsam die Geografie des Widerstandes und der Rebellion zu errichten«.
Cronostart29.08.2006
Mehr als 1000 Unternehmer und Kaufleute aus allen Handelskammern Oaxacas rufen einen ganztägigen Generalstreik aus, um gegen die staatliche Gewalt zu protestieren und eine Lösung der Krise zu fordern. Außerdem wurden auch Kleinhändler und Ladenbesitzer aufgefordert, ihre Zurückweisung der Gewalt symbolisch zum Ausdruck zu bringen, in dem sie eine weißes Schleife an Läden und Ständen befestigen. Am selben Tag kommt es zu ersten Verhandlungen zwischen der APPO und der Bundesregierung. Die Gespräche finden zwar nicht wie gefordert in Oaxaca statt, sondern in Mexiko-Stadt, was die direkte Übertragung über die besetzten Radiostationen und damit die breite Beteiligung der Basis unmöglich macht, jedoch immerhin unter Ausschluß der (vom Volk für abgesetzt erklärten) Regierung Ulises.
Cronostart31.08.2006
Geschlossene Verhandlungen zwischen der APPO und der Bundesregierung in Mexiko-Stadt, Ulises nicht dabei. Streik der Mittelbetriebe erfolgreich, Unmut in Mittel- und Oberschicht wächst. Vorbereitungen zu neuer Mega-Demo, Klima aber sehr angespannt.
Cronostart01.09.2006
Felipe Calderon, wahrscheinlich ab 2007 neuer Präsident Mexikos, erklärt in einem Fernsehinterview, dass er den Konflikt in Oaxaca mit dem Einsatz der Polizei und durch Aufhebung der Meinungsfreiheit lösen würde.

In der Sierra Juarez inszeniert die Ex-Regierung eine Komödie mit blutigen Absichten: Als Guerrilleros verkleidete Schauspieler mit nagelneuen AK-47 und sauberen Uniformen behaupten, die Vertreter von sechs bewaffneten Bewegungen zu sein und die APPO zu unterstützen. Sofort melden sich Zeugen, die die angeblichen »Guerrilleros« identifizieren und den Schwindel entlarven, mit dem über die staatlichen Medien das Klima für einen Militäreinsatz vorbereitet werden soll.

Zwei Lehrer werden am Weg zu einer Versammlung von einem Polizeiwagen gejagt und beschossen. Der Vorfall wird sofort an Radio APPO gemeldet, welches daraufhin die Bevölkerung in den entsprechenden Quartieren bittet, alle Wege zu sperren und den Verfolgten Schutz zu gewähren. Nach einer halben Stunde gelingt es tatsächlich, die Verfolger zu stoppen und die beiden Lehrer in Sicherheit zu bringen.
Cronostart02.09.2006
Die 5. Mega-Demo in Oaxaca-Stadt wird trotz strömendem Regen zu einem sieben Kilometer langen Protestzug mit teils kämpferischem, teils volksfestähnlichem Charakter und 500.000 TeilnehmerInnen. Sämtliche nationalen Medien ignorieren dieses Ereignis jedoch, so dass eine baldige Lösung kaum in Sicht scheint. Viele rechnen mit einer Verschärfung der Situation, haben zur Verstärkung der Barrikaden aufgerufen und zu einer Ausweitung der organisatorischen Anstrengungen in den Gemeinden.
Cronostart04.09.2006
Mobile APPO-Kontingente schliessen weitere 16 Regierungsstellen, um den Verhandlungsdruck auf die Regierung Fox zu erhöhen. Damit gibt es in Oaxaca nur noch ein paar wenige halbwegs funktionierende Ämter wie zum Beispiel das Umweltamt. Die Räumungen verliefen ohne jegliche Gewalt und im Beisein der Presse. Die Leute wurden aufgefordert, ihre persönlichen Sachen einzupacken und das Gebäude sofort zu verlassen.

Während die Ex-Regierung Ulises militärische Spezialeinheiten anfordert und Truppen in Stellung bringt, verkündet die APPO, dass sie in Kürze ein Manifest an die Nation veröffentlichen werde, wo sie den Gouverneur als offiziell abgesetzt erklären und ausrufen werde, dass ab sofort die APPO die Regierungsgeschäfte im ganzen Bundesstaat übernimmt. Der Sprecher der (Ex)-Regierung Ulises Ruiz gab bekannt, dass dies eindeutig illegal und verfassungswidrig sei und scharfe Konsequenzen nach sich ziehen werde.

Gleichzeitig koordiniert die APPO bereits die wichtigsten Angelegenheiten wie Abfallbeseitigung, Sicherheit und Justiz, welche durch die Regierungsunfähigkeit schon seit Monaten ausser Kraft sind.

In den letzten Wochen haben sich in verschiedenen Stadtquartieren autonome »Polizeien« organisiert, die offensichtlich relativ erfolgreich funktionieren und schon jetzt einen sehr guten Ruf geniessen. Dies insbesondere darum, weil sie, im Gegensatz zur offiziellen Polizei, nicht korrupt und nicht am organisierten Verbrechen beteiligt sind.
Cronostart14.09.2006
Die APPO und die Sektion 22 der LehrerInnengewerkschaft (SNTE) haben ihre Konsultativabstimmung zum grössten Teil beendet und es scheint so, als würde der Verhandlungsvorschlag des Innenministeriums grossmehrheitlich zurückgewiesen werden.

Das Angebot der Regierung beinhaltet nicht einen einzigen Punkt, der mit den Forderungen der Bewegung übereinstimmt und beschränkt sich ausschliesslich auf finanzielle und materielle Verbesserungen für die LehrerInnen. Er wird allgemein als »Kaufangebot« für die Sektion 22 der SNTE gedeutet, um die Bewegung zu spalten, indem man der grössten Fraktion ein attraktives Angebot unterbreitet und den Rest der Bewegung ausschliesst.
Cronostart15.09.2006
APPO und Innenministerium teilen der Presse mit, dass die Regierung einen Vorschlag unterstützt, der eine Reform auf politischer und ökonomischer Ebene, sowie Sicherheit, Menschenrechte und Wahlrecht beinhalte, sowie 17 Forderungen der Lehrer und Lehrerinnen erfülle. Im Gegenzug verpflichte sich die APPO, in den nächsten Tagen alle Barrikaden und Strassenblockaden zu räumen, den »Planton« auf dem Zocalo aufzugeben, blockierte Regierungsgebäude freizugeben und die besetzten Radiostationen zu verlassen. Über die Zukunft von Ulises wurde kein Wort verloren und genauso wenig über die politischen Gefangenen.

Dieses Zwischenergebnis der Verhandlungen wurde in Oaxaca mit Verwunderung aufgenommen und in den verschiedenen Radiostationen der APPO in Frage gestellt.

Die Regierung Ulises fordert inzwischen die Hilfe der Bundespolizei PFP und konzentriert die Restbestände der staatlichen Polizei an strategischen Punkten. Unterstützung kommt vom Kongress der Parlamentsabgeordneten, die ein Dekret verabschieden, das die Unterstützung der Bundespolizei PFP für die Bewältigung des Konfliktes in Oaxaca fordert. Von sämtlichen Parteien unterzeichnet, fordert das Dokument die Entsendung von Polizeikräften, um die Normalität im Bundesstaat wieder herzustellen.
Cronostart17.09.2006
Die VertreterInnen der APPO stellen die Falschmeldungen der letzten Tage klar: Sie seien nie von der Forderung nach Ulises’ Rücktritt abgewichen. Das Angebot der Regierung wird nun an der Basis diskutiert.
Cronostart21.09.2006
Verhandlungen abgebrochen! Die Verhandlungen zwischen Bunfesregierung und APPO gehen ohne Resultate zuende − es wird kein neuer Termin für weitere Gespräche vereinbart. Das Innenministerium lehnt die zentrale Forderung von APPO und Lehrergewerkschaft, die Absetzung von Ulises Ruiz, ab. Vicente Fox erklärte erneut, er wolle das Problem Oaxaca vor dem Amtsantritt von Felipe Calderón (1. Dezember) gelöst haben. Als »Musiker« getarnte Spezialeinheiten der PFP werden entdeckt, ein weiteres Alarmsignal und Zeichen für die schleichende Militarisierung.

Währenddessen verstärkt die Bevölkerung in Oaxaca die Barrikaden. Wieder fürchtet man, dass in den nächsten Stunden ein militärischer Angriff grossen Ausmasses geschehen könnte. Rueda Pacheco von der Lehrergewerkschaft meint dazu, der Bundesstaat Oaxaca sei nicht San Salvador Atenco, und verweist damit auf die ungleich grössere Mobilisierung in Oaxaca, die nicht einfach mit ein paar tausend Polizisten niedergeknüppelt werden kann.

Und eine Meldung, die − vielleicht − keinen direkten Zusammenhang zu Oaxaca hat: Subcomandante Marcos ist überraschend nach Chiapas zurückgekehrt. Er traf gestern in San Cristobal ein. Dies wenige Tage, nachdem er ankündigte, im Rahmen der »anderen Kampagne« die Staaten im Norden Mexikos in den Monaten Oktober und November zu bereisen.
Cronostart25.09.2006
Die APPO antwortet den Provokationen der Bundesregierung mit einem kämpferischen Kommunique:

»Wir kennen ihre Präventivaktionen: Vor einem Monat fiel der Compañero Lorenzo San Pablo, ermordet durch ihre Meuchelmörder, während einer dieser Präventivaktionen«. Die Aggressionen hielten alle Nächte lang an und in grösserem oder kleinerem Ausmass wurden Schüsse auf die Compañeros der verschiedenen Camps registriert. Durch den Kurs, den Ulises fährt, geschieht das, was wir schon seit vielen Tagen verurteilen, die mörderische Gewalt gegen die Leute aus Oaxaca. Es wird sein letzter Schlag werden. (...) Wir rufen ganz Oaxaca dazu auf, die Camps und die Barrikaden zu verstärken, alle Mittel der Verteidigung müssen stärker werden, stärkt die Barrikaden!

Ulises ist verloren, und wenn ein Tyrann sich verloren fühlt, sucht er jemanden, der ihn mitnimmt, wie er es in einem Treffen vor seinem Kabinett ausdrückte. Wir werden diesem letzten Schlag entschlossen und organisiert gegenübertreten! Der Sieg ist nah, der Tyrann ist verloren! Also los, mit allen zusammen, bis dass er fällt!«
Cronostart27.09.2006
Ulises Ruiz Ortiz befiehlt den lokalen Parlamentsabgeordneten, ein Dokument zu verabschieden, in dem die Intervention der Bundespolizei verlangt wird, und fälscht die Unterschrift des Fraktionschefs der Partei Convergencia, um vorzutäuschen, dass alle Parteien mit einer solchen Intervention der Bundespolizei einverstanden wären. Auch bei den Munizipen fand er nicht einmal bei der Hälfte Unterstützung.

Beim Versuch, ein öffentliches Presseinterview zu geben, wird Ulises beinahe von der APPO verhaftet. Bodyguards schiessen ihm den Weg frei, und sie flüchten mit als APPO-Fahrzeuge getarnten Autos. In der Nacht darauf wird der Radiosender des regierungskritischen Unternehmers Lopez Lena angegriffen und teilweise abgebrannt.
Cronostart28.09.2006
Sieben KommandantInnen des CCRI-CG treten ihre Reise nach Mexiko-Stadt an, um die Demonstrationen und Aktionen für die Freilassung der 29 Gefangenen von San Salvador Atenco zu unterstützen, während Marcos als Delegierter Null die Reise der Anderen Kampagne im Norden des Landes fortsetzen wird. Die KommandantInnen Grabiela, Miriam, Gema, Hortencia, David, Zebedeo und Tacho, die vor 11 Jahren die zapatistische Delegation bei den Dialogen von San Andrés koordiniert haben, werden von Lupita (drei oder vier Jahre alt) begleitet, die Delegierte Fünf-ein-Viertel genannt wird, da ihre Mutter Hortencia als fünfte der sieben Delegierten aufgeführt wird.
Cronostart29.09.2006
Weiter paramilitärische Attacken durch zivile Polizeikräfte auf AktivistInnen der Volksbewegung. Außerdem Versuche von PRI-Provokateuren, Läden zu plündern und diese Aktionen dann der APPO in die Schuhe zu schieben.

Der Streik, der vom rechten Unternehmerverband ausgerufen wurde, floppt: Laut offiziellen rechten Medien hatten kaum 20% der Läden usw. geschlossen – laut Angaben der APPO lediglich 5%. So oder so zeigt dies den grossen Einfluss der Volksbewegung.

Auch der Versuch der PRI-Leute, in ganz Oaxaca auf eigene Faust die Schulen wieder aufzumachen, um sich gegen die »Radikalen« der LehrerInnengewerkschaft zu stellen, war mehr als ein Misserfolg. Knapp 50 Schulen wurden zum Unterricht geöffnet, was weniger als ein halbes Prozent der 14.000 Schulen in Oaxaca ausmacht.

In dieser sehr angespannten Situation hat die Vollversammlung der LehrerInnengewerkschaft beschlossen, den Kampf geschlossen weiterzuführen. Die 1.500 Delegierten haben die Resultate der Befragung der Basis zusammengetragen und halten auch nach 129 Tagen Streik klar fest, dass »sie erst nach dem Sturz des Tyrannen, dem Gouverneur Ulizes Ruiz Ortiz den Streik abbrechen und in die Schulen zurückkehren werden«. Sie bestehen mit Nachdruck darauf, dass sie sich nicht von der APPO und den über 350 Volks- und Basisorganisationen abspalten lassen werden, sondern sich als integralen Teil betrachten. 5.000 Personen beteiligen sich an einem Marsch der APPO nach Mexiko Stadt, um ihren Forderungen im Zentrum der Macht Nachdruck verleihen.

Die Sicherheitskommission der APPO hat heute Nacht ausdrücklich nochmals dazu aufgerufen, an den Barrikaden sehr wachsam zu sein. An verschiedenen Punkten wurden maskierte Gruppen beobachtet, die den Schlägertruppen der PRI zuzurechnen sind und die einzelne Punkte angreifen werden. Von der APPO Seite her werden insbesondere auch die Radiostationen speziell geschützt, da sie wohl die ersten Punkte sein werden, die der Bewegung entrissen werden sollen, damit die Kommunikation der Volksbewegung verhindert wird. Die Radios sind nach wie vor den ganzen Tag auf Sendung und es wird diskutiert, geweint, gehofft, vereint geträumt, gestritten.
Cronostart30.09.2006
Der Kongress von Oaxaca verabschiedet als Zeichen der Provokation ein neues Wahlgesetz und verschiebt die für nächstes Jahr vorgesehenen Wahlen. Helikopter der mexikanischen Marine überfliegen die Stützpunkte der APPO in Oaxaca, in Santa Cruz Xoxocotlan und Zaachila. In Radio APPO wird die Bevölkerung auf eine mögliche Räumung vorbereitet. Alle werden aufgerufen, die Barrikaden zu verteidigen, aber ohne Verletzte oder Tote zu riskieren. Im Notfall sollen die Barrikaden verlassen werden, um sich an anderen Orten erneut zu sammeln und die verlorenen Orte in den folgenden Tagen sukzessive wieder besetzen, weil es für die Repressionskräfte nicht möglich sein wird, alle Punkte zu bewachen. Gleichzeitig mit Massenmobilisierungen Präsenz zeigen und vor allem Radio APPO verteidigen, so lange es geht.

Die Stimmung ist voller Angst und gleichzeitig kämpferisch. Radio APPO bittet die nationale und internationale Öffentlichkeit, über die Geschehnisse in Oaxaca zu informieren und ruft insbesondere Menschenrechtsorganisationen auf, eine aktive Rolle zu übernehmen und präsent zu sein, um ein Blutbad zu verhindern. Die Terminologie der Regierung Fox erinnert an diejenige, die von der USA für die Kriege im Irak verwendet wurde: »Es wird kein Blutbad geben - wir werden mit chirurgisch genauen Eingriffen Gewalt gegen die Zivilbevölkerung vermeiden«.

In Mexiko Stadt sichern Subcomandante Marcos und die sieben Delegierten des CCRI-CG der EZLN der FPDT erneut ihre Unterstützung zu und rufen dazu auf, gemeinsam den internationalen Kampf für die Befreiung der Gefangenen von San Salvador Atenco zu reorganisieren und zu initiieren.
Die Kommandanten und Kommandantinnen des CCRI-CG-EZLN bringen ihre Solidarität mit der FPDT zum Ausdruck, fordern die Freilassung der Gefangenen und geben bekannt, dass am 1. Oktober alle Caracoles wiedereröffnet werden sollen, um im südöstlichen Mexiko über den Kampf von Atenco zu informieren, ohne jedoch den Roten Alarm, der seit Mai in Kraft ist, zu beenden. Am 9. Oktober wird die EZLN die Rundreise im nördlichen Mexiko wiederaufnehmen, und am Ende des Jahres soll in Chiapas ein internationales Encuentro stattfinden.

David richtet das Wort an die Atenco-Bewohner, die Mitglieder der FPDT und die Anhänger der Anderen Kampagne, die dem Treffen beiwohnten: »Die Botschaft, die wir von den zapatistischen Gemeinden überbringen, lautet, dass sie sich nicht verkaufen, dass sie sich nicht ergeben und nicht erniedrigen lassen. Wir alle haben das Recht, jene Gerechtigkeit zu fordern, die uns als Volk genommen wurde; wir können angesichts der Ungerechtigkeiten, der Ausbeutungen und der Zerstörung unseres Landes nicht schweigen«.

Hortensia spricht den FPDT-Mitgliedern Mut zu: »Wir stehen euch zur Seite und begleiten euch in eurem Schmerz, eurem Kampf und eurer Rebellion, die in euch und in euren Herzen täglich wächst. Mit eurem Widerstand beweist ihr, dass die Regierung es niemals schaffen wird, die organisierten Dörfer zu erniedrigen«.

Tacho erklärt, dass die Festnahme der FPDT-Mitglieder nur »den Hochmut des Feindes zeigt, der sich rächen wollte«, weil die Campesinos sich dem Raub ihres Gemeindelandes für den Bau des Flughafens widersetzt hatten. »Der Neoliberalismus will uns den besten Boden rauben, um Vergnügungszentren darauf zu stellen, aber das werden wir nicht erlauben, wir werden bis zur letzten Konsequenz kämpfen«, erklärt er und versichert, auf die Menschen von Atenco stolz zu sein, »deren Kampf anderen Dörfern als Beispiel dient«.

David drängt zur Einheit der Dörfer und mahnt: »Wenn wir uns nicht organisieren um zu kämpfen, werden wir unser ganzes Leben lang so verarscht werden; deshalb ist der einzige Weg, den wir haben, uns zu organisieren, uns zu vereinen. Dies ist der Weg, den wir gegen die Drohungen der schlechten Regierenden haben«.

Marcos, der bei dieser Gelegenheit nur die Moderation führt, erklärt, dass die KommandantInnen Grabiela (»Delegierte Eins«), Zebedeo (»Delegierter Zwei«) und Miriam (»Delegierte Drei«) in D.F. bleiben werden, um den Kampf für die Befreiung der Gefangenen von Atenco fortzusetzen. Gema (»Delegierte Vier«), Hortensia (»Delegierte Fünf«) und ihre kleine Tochter Lupita (Delegierte Fünf-Ein-Viertel), sowie David (»Delegierter Sechs«) und Tacho (»Delegierter Sieben«) werden am Sonntag nach Chiapas zurückkehren.
Cronostart01.10.2006
Im 4. Teil einer Serie von Comunicados der Anderen Kampagne äussert sich die EZLN zu Oaxaca: »Das Unten bricht auch in Oaxaca hervor und nimmt Form und Weg in der APPO. Das Vetorecht dieser Bewegung wurde würdevoll wahrgenommen. Es ist nicht wichtig, ob sie wählen oder nicht (und ob sie es für AMLO oder eine andere Partei machen). Dies ist nicht von Bedeutung, sondern dass sie Vertrauen in ihre eigene Stärke haben, welches weiter geht als das ihrer Dirigenten und der Konjunkturen.

Dieses Vertrauen hat ihnen bis jetzt erlaubt, ihre Taktik für sich selbst zu entscheiden, ohne dem Druck von Aussen und den Räten zum »guten Gewissen« nachzugeben. Als EZLN unterstützen wir diese Bewegung und versuchen, durch die Compañeros der Anderen, die dort kämpfen, zu sehen, was geschieht und zu lernen.

Aus zwei Gründen wird unsere Unterstüzung nicht darüberhinaus gehen: Einer ist, weil es sich um eine sehr komplexe Bewegung handelt, direktere Unterstützung könnte »Lärm«, Ängste und Verwirrung verursachen; der andere ist, dass die Leute in Oaxaca mehrmals beschuldigt wurden, Verbindungen zu bewaffneten Organisationen zu haben, und so könnte die Hetzkampagne, die ohnehin bereits im Gang ist, durch unsere direkte Präsenz erneut Auftrieb bekommen.«
Cronostart02.10.2006
Rund 150 vermummte UnterstützerInnen der EZLN besetzen 532 Hektar Land in der Nähe des Caracols von Roberto Barrios erneut. Das als »Chuyipá« (offiziell »5 de Mayo«) bekannte Grundstück liegt im offiziellen Landkreis von Palenque und wird von den RebellInnen als »Chol de Tumbalá« bezeichnet. Die Zapatistas hatten das Land 1999 besetzt und waren am 3. August von der Polizei vertrieben worden, wobei ihre Häuser und Habseligkeiten zerstört wurden.

In der Gemeinde San Antonio de Castillo Velasco (Oaxaca) wird der 49-jährige Arcadio Fabián Hernández Santiago erschossen. Santiago war gemeinsam mit anderen Gemeindepolizisten unbewaffnet auf einem Routinegang, als die vermummten und mit Maschinengewehren bewaffneten Ex-Polizisten ihnen auflauern. Der Präsident der Volksregierung von San Antonio, Valentín Aguilar, ruft die Bevölkerung auf, den Mord nicht in Selbstjustiz zu richten, sondern auf ein legales Verfahren gegen die Mörder zu vertrauen.
Cronostart04.10.2006
Das Innenministerium lädt zu einem »Forum für Regierungsfähigkeit, Frieden und Entwicklung in Oaxaca«. APPO und Sektion 22 nehmen nicht daran teil, nachdem sie um die Sicherheit ihrer Delegierten fürchten, Ulises zu den geladenen Gästen zählt, die Militarisierung in Oaxaca weiter verstärkt wird und jede Nacht Angriffe auf die Zivilbevölkerung an den Barrikaden stattfinden. Innenminister Abascal rede doppelzüngig und man könne ihm nicht vertrauen, verkünden sie. Das Forum sei eine Farce und nichts anderes als ein Schachzug zur Rechtfertigung einer Militärintervention. Die APPO ruft auf, weitere Barrikaden zu errichten. Jeden Tag integrieren sich neue Quartierkomitees und Gemeinden in die APPO, was dazu führt, dass sie angesichts einer möglichen Militärintervention so zahlreich wie nie zuvor ist.

Die Verlegung der Marineeinheiten hat die Forderung nach Ulises’ Absetzung auch in bisher zurückhaltenden Kreisen der Bevölkerung aus Furcht vor militärischen Auseinandersetzungen verstärkt. Im Touristenort Huatulco an der Pazifikküste wurden aus einem Kriegsschiff Schützenpanzer, Helikopter und anderes Kriegsmaterial ausgeladen. Täglich landen Militärflugzeuge mit Soldaten, und sogar ein Kampfjäger wurde hergebracht.
Cronostart09.10.2006
Der Marsch der APPO kommt nach 19 Tagen in der Hauptstadt Mexio Stadt an, begleitet von vielen UnterstützerInnen aus den armen Vorstädten. Die Spannung ist gross, das Medienecho auf die Demo, die nun 19 Tage unterwegs war, ebenfalls.

Innenminister Abascal fordert die Volksbewegung von Oaxaca auf, den föderalen Polizeieinheiten der PFP die Hauptstadt Oaxaca zu übergeben. Im Gegenzug sei das Innenministerium bei dem Verfahren im Senat über die Absetzung von Gouverneur Ruiz behilflich. APPO und Lehrerschaft lehnen diesen »ersten Schritt zur Militarisierung Oaxacas« nach Vollversammlungen am Wochenende ab.
Cronostart10.10.2006
Der Senat entsendet eine Kommission nach Oaxaca, um die Regierungsunfähigkeit zu untersuchen.
Cronostart12.10.2006
Die »Oaxakenische Bürgerinitiative für Gespräche um Frieden, Demokratie und Gerechtigkeit« (Iniciativa Ciudadana de los Diálogos por la Paz, la Democracia y la Justicia de Oaxaca") wird ins Leben gerufen. Die Eröffnungsfeier wurde durch eine breite Beteiligung verschiedener gesellschaftlicher Sektoren in Oaxaca unterstützt.
Cronostart14.10.2006
Alejandro García Hernández, Aktivist der APPO, wird in der Nacht auf Samstag an einer Barrikade von vier Männern erschossen. Die Täter wollten eine Barrikade überfahren und wurden daran gehindert, worauf sie das Feuer auf die unbewaffneten Anwesenden eröffneten. Am Tatort werden Dokumente gefunden, die in der Militärzone XXVIII auf den Namen Jonathan Ríos Vásquez ausgestellt wurden. Es handelt sich hier um den 42. politischen Mord seit Ulises’ Amtsantritt vor weniger als zwei Jahren.

An einer weiteren Barrikade wird ein Jugendlicher schwer verletzt, als vier Männer in einem Nissan-Pickup die Barrikade rammen, um die Durchfahrt einer Ambulanz der APPO zu verhindern.
Cronostart19.10.2006
Todesschwadronen im Dienste von Ulises Ruiz eröffnen das Feuer gegen eine Versammlung im Quartier Jardines in Oaxaca und töten den Lehrer Panfilo Hernandez Vasquez mit zwei Schüssen.

Die APPO hatte gestern die höchste Alarmstufe ausgerufen und alle aufgefordert, sich auf mögliche Angriffe vorzubereiten und die Verteidigungseinrichtungen zu verstärken. Vor drei Wochen war durch Indiskretion der »Plan Hierro« des Gouverneurs an die Öffentlichkeit gekommen und beschreibt genau das, was im Moment passiert: Aktionen auf verschiedenen Ebenen um die Volksbewegung zu destabilisieren und zu schwächen. Tote sind in diesem Plan miteingerechnet.
Cronostart24.10.2006
Die APPO räumt Ulises eine Frist von drei Tagen ein, um seinen Rücktritt einzureichen und ruft zur friedlichen Volkserhebung am 1. Dezember auf. Für den 27. November werden ein Generalstreik im Bundesstaat und die Blockierung der Verkehrswege angekündigt. Nach zahlreichen Anschlägen und manipulierten Stromausfällen sendet von den besetzten Radiostationen nur noch »Radio Universidad«.
Cronostart27.10.2006
Ulises’ Leute schlagen zurück: Seit den frühen Morgenstunden attackieren Pistolenschützen die Barrikaden der APPO, verwunden unzählige Compañeros, ermorden den Lehrer Emilio Alonso Fabían in San Bartolo Coyotepec und den US-amerikanischen Indymedia-Reporter Brad Will in Santa Lucia Amilpas, der Anfang Oktober nach Oaxaca gekommen war, um den seit fünf Monaten andauernden sozialen Konflikt für das globale unabhängige Mediennetzwerk Indymedia zu dokumentieren. Brad Will stirbt mit der Videokamera in der Hand durch zwei Schüsse in Brust und Bauch.

Die APPO installiert eine provisorische Notfallstation in einer Kirche, um die zahlreichen Verletzten zu betreuen, nachdem die offiziellen Krankenhäuser sich weigern, die Verletzten aufzunehmen oder durch bewaffnete PRI-Männer daran gehindert werden.

Die Verkehrsblockade der APPO legt den ganzen Tag über alle Hauptverkehrsrouten vollständig lahm. Viele Busfahrer beteiligen sich an den Aktionen und verstärken die Barrikaden mit ihren Fahrzeugen.

Die Sechste Kommission der Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung ruft alle Anhänger der Anderen Kampagne auf, sich von ihren Orten aus, mit allen Mitteln und in allen Formen in Unterstützung der APPO zu manifestieren und die sofortige Absetzung des Mörders Ulises Ruiz sowie seine Bestrafung und die seiner Meuchelmörder zu fordern.
Cronostart28.10.2006
Die Regierung schickt Truppen: Etwa 4.500 Mitglieder der PFP und der Militärpolizei, 16 Militärflugzeuge, 4 Hubschrauber, 1 Kampf- und 1 Ultraleichtflugzeug werden ausgemacht und sammeln sich in den Dörfern Santiaguito Etla, Hacienda Blanca und Santa Rosa.
Cronostart29.10.2009
Mit Wasserwerfern, Schaufelbaggern und Tränengas dringen Brigaden der Präventivpolizei PFP in Richtung Zócalo vor und besetzen die Straßen und Räume des Historischen Stadtzentrums. Radio APPO ruft dazu auf, friedlich zu bleiben und weder mit Steinen noch sonst was auf Aggressionen zu reagieren.

60 Verhaftete, 30 Verschwundene und mindestens 2 Tote werden gemeldet, Verletzte und Verhaftete werden verschleppt und gefoltert.

25.000 Personen wollen vom Distrito Federal aus in einer großen Karawane nach Oaxaca aufbrechen.

Gouverneur Ruiz, der in den Medien behauptete, er sei die ganze Zeit in Oaxaca und beobachte die Situation, wurde in der Hauptstadt Mexiko City von mehreren tausend DemonstrantInnen aus einem Hotel vertrieben, in dem er sich versteckt hielt, konnte jedoch unter dem Schutz der Polizei flüchten.
Cronostart30.10.2006
Mindestens 4 Tote werden nach den gestrigen Polizeieinsätzen gemeldet. Ulises hingegen zeigt sich zufrieden, da die Normalität in der Stadt ohne jede Gewalt wieder hergestellt worden sei.
Cronostart31.10.2006
Der mexikanische Senat und die Abgeordnetenkammer fordern nach Wochen des Schweigens Ulises Ruiz Ortiz nun endlich dazu auf, sein Amt aufzugeben.
Cronostart01.11.2006
Die Polizei kontrolliert den unmittelbaren Stadtkern in Oaxaca Stadt. In den umliegenden Straßen und weiten Teilen der gesamten Stadt zeugen brennende Barrikaden und die ständigen Proteste mehrerer tausend Menschen von einer nach wie vor explosiven Situation.

Anstelle ihres Hauptcamps auf dem nun von der Bundespolizei abgesperrten Zocalo haben APPO und Lehrergewerkschaft sich wenige Blocks entfernt auf dem Vorplatz der Kirche von Santo Domingo versammelt. Von der angekündigten Rückkehr der seit fünf Monaten streikenden Lehrer konnte zu Wochenbeginn keine Rede sein. Vielmehr hielten nahezu alle Geschäfte und Institutionen in Oaxaca-Stadt ihre Türen geschlossen.

Das auf dem Gelände der staatlichen Autonomen Universität Benito Juárez liegende Radio Universidad wird von den APPO-Sympathisanten weiträumig abgesichert und hält den Sendebetrieb nach wie vor aufrecht.

Flavio Sosa, Mitglied der provisorischen APPO-Führung, spricht von bisher über 60 Verhafteten, die teilweise in einer Militärkaserne vor Oaxaca-Stadt gefoltert würden.
Cronostart02.11.2006
Räumungsversuch der Uni: Um 8 Uhr morgens beginnt PFP ihren Vormarsch gegen Radio Universidad. Zunächst gelingt der Überfall, einige Barrikaden werden beseitigt, doch bald sind die PFP-Truppen mit erbittertem Widerstand von allen Seiten konfrontiert. Am Nachmittag sind die Wasserwerfer leergespritzt, Helikopter werfen noch immer flächendeckend Tränengasbomben, doch die Bevölkerung weicht nicht zurück und der Polizeiüberfall muß abgebrochen werden. Die APPO fordert den Abzug der PFP aus Oaxaca und die lebendige (!) Freilassung der Verhafteten und Verschleppten.
Cronostart03.11.2006
6. Mega Demo in Oaxaca.
Cronostart04.11.2006
In Solidarität mit der aufständischen Bevölkerung von Oaxaca blockiert die Andere Kampagne die Grenzbrücke von Ciudad Júarez nach Texas. Auch in Chiapas und Mexiko Stadt sind zahlreiche Straßen durch Proteste gesperrt.
Cronostart05.11.2006
Das Oaxakenische Menschenrechtsnetzwerk »Red Oaxaqueña por los Derechos Humanos en Oaxaca« − RODH − veröffentlicht eine Liste mit Namen von Personen, die in der letzten Woche im Laufe der Proteste in Oaxaca-Stadt und in den Regionen des Bundesstaates verhaftet wurden oder umgekommen sind. Das Netzwerk berichtet von 87 Verhaftungen (53 davon immer noch in Haft), 45 verschwundenen und 33 verletzten Personen (darunter 5 Journalisten). 6 Menschen wurden ermordet.
Cronostart06.11.2006
Knapp eine Million Menschen beteiligt sich in Oaxaca an der 6. Mega-Demo gegen Ulises, der am Tag zuvor noch in bezahlten Werbespots verkündet hatte, das Volk stehe hinter ihm.

Die Militarisierung hat das ganze Land erfasst, rigorose Straßenkontrollen werden aufgebaut, der Student Marcos Sánchez Martínez wird am frühen Morgen an einer Barrikade vor der Uni mit einem Bauchschuß niedergestreckt.

Fünf verschiedene bewaffnete revolutionäre Organisationen bekennen sich zu den Bombenanschlägen auf das Wahltribunal, den zentralen Sitz der PRI und eine Bankfiliale und kündigen an, dass diese »politisch-militärischen« Aktionen auf 40 wichtige nationale und transnationale Firmen ausgeweitet werden, ebenso wie auf »falsche« Institutionen von Politik und Regierung, die »den Staatsbetrug« finanziert und durchgeführt haben und hinter der »institutionalisierten neoliberalen Gewalt« stehen, mit der gegen das Volk von Mexiko vorgegangen wird.

Die Gruppen »Movimiento Revolucionario Lucio Cabañas Barrientos«, »Tendencia Democrática Revolucionaria-Ejército del Pueblo«, »Organización Insurgente Primero de Mayo«, »Brigada de Ajusticiamiento 2 de Diciembre« und »Brigadas Populares de Liberación« fordern den Rücktritt des Gouverneurs, den Abzug der »föderalen Besatzungstruppen«, die unverzügliche Präsentation der Verschwundenen und politischen Gefangenen von Atenco und Oaxaca und die Bestrafung »der intellektuellen und materiellen Urheber der Folter, der Vergewaltigungen und des sexuellen Missbrauchs von Aktivisten der verschiedenen sozialen Bewegungen« des Landes.

Sie erklären weiter, dass die »Militanten und Kämpfer« dieser revolutionären Gruppen mit den politisch-militärischen Aktionen fortfahren würden. »Wir erklären uns für diese Vorfälle voll verantwortlich und bitten die Bürger um Entschuldigung, die in ihrem Alltagsleben gestört wurden und indirekt von diesen Aktionen betroffen waren, und weisen energisch darauf hin, dass die Hauptverantwortlichen der sozialen und politischen Gewalt in unserem Land die Mächtigen und die Reichen sind, die einen schmutzigen neoliberalen Krieg gegen das Volk von Mexiko begonnen haben.«
Cronostart07.11.2006
Calderón verkündet vor der mexikanischen Handelskammer (Comce), dass in Mexiko der Respekt vor dem Gesetz, vor der Autorität verloren gegangen sei, was bedeute, dass »der Respekt vor den Anderen, vor der Gemeinschaft, welche wir sind, die Gesellschaft, in welcher wir leben, der Respekt vor dem Land, welches wir haben, verloren gegangen ist. Wir müssen schwer arbeiten, um die Fähigkeit des Staates, Front gegen das Verbrechen und den Terrorismus zu machen, wieder zu erlangen«.

Beim Kampf gegen das Verbrechen gäbe es keine andere Alternative als die Wiedererlangung und Stärkung der Fähigkeit des Staates, um die Schutzrechte der Bürger zu garantieren, obwohl die Kosten hoch wären und es nicht sofort Ergebnisse gäbe.

»Ich will ehrlich sein, nach meiner Vorstellung wird es nicht einfach, es wird nicht kurzfristig. Es wäre anmaßend sofort Ergebnisse anzubieten, es wäre eine unverzeihliche Prahlerei zu sagen, dass die Lösung einfach und in Reichweite ist. Es wird Zeit dauern, es sind Mittel notwendig und wird möglicherweise leider auch Menschenleben kosten, aber für mich gibt es keine Alternative.«
Cronostart11.11.2006
Die APPO hält ihren offiziellen Gründungskongreß ab.

Die aktuellen Zahlen der Opfer der Repression des nun seit über 173 Tagen andauernden Kampfes in Oaxaca werden veröffentlicht: 17 Tote, 400 Verletzte, 61 Verschwundene, 337 Verhaftete, von denen sich 53 Menschen noch immer in Haft befinden, wobei viele der Verhafteten von brutaler Folter berichten.

Die Kirche in Oaxaca unter Bischof José Luis Chávez Botello hat APPO-Aktivisten, welche per Haftbefehl gesucht werden, in den letzten Tagen Asyl gewährt. Der Bischof erklärt jedoch, dass die Kirche keine Garantie für die Sicherheit der APPO-Leute übernehmen könne, da dies eigentlich der Staat tun sollte.

Radio Universidad sendet noch immer, ist jedoch nur teilweise im Internet hörbar.
Cronostart12.11.2006
Sieben Frauen, vier Männer und zwei Kinder werden in Viejo Velasco (Montes Azules/Chiapas) von Paramilitärs ermordet. Mit Schußwaffen ausgerüstet, attackieren die Angreifer aus Nueva Palestina das Dorf in zwei Gruppen. Artemio Benítez Pérez, Domingo Pérez López, Elizabeth Benítez Pérez, Felicito Pérez Parcero, Filemón Benítez Pérez, Hilario Pérez López, María Núñez González, María Pérez González, María Pérez Pérez, Martha Pérez Pérez, Noyli Benítez Pérez, Pedro Núñez Pérez, Petrona Núñez González und ein noch nicht getauftes Neugeborenes sterben.
Cronostart13.11.2006
Die Polizei errichtet Straßensperren und verhindert den Zutritt in die Gemeinde Viejo Velasco, um die Verletzten zu versorgen. Mehrere noch nicht identifizierte Gefangene befinden sich vermutlich noch in der Gewalt der Angreifer. Gerüchten zufolge sollen mindestens fünf weitere Gemeinden in der Selva Lacandona durch öffentliche Kräfte gewaltsam geräumt worden sein: Flor de Cacao, Nuevo Tila, Ojo de Agua Tsotsil, Velasco Suárez und San Jacinto Lacanjá.

Der Rat der Guten Regierung in Roberto Barrios untersucht gemeinsam mit dem Menschenrechtszentrum Fray Bartolomé de Las Casas die Vorfälle. Dem Angriff gingen zahlreiche Übergriffe voraus, die von Menschenrechtsorganisationen denunziert, von den Regierungsstellen jedoch ignoriert wurden:
Am 14. Juli bezog die Öffentliche Sicherheitspolizei nahe der Gemeinde von Ojo de Agua in El Progreso Stellung und drohte, die Familien dieser Gemeinde gewaltsam zu räumen, Familien, die ihr Recht auf Land als indigene Völker verteidigen.

Am 19. September erschienen Comuneros aus Nueva Palestina, bewaffnet mit Macheten, Gewehren, Schaufeln, Pickeln und Steinen, zerstörten das Haus einer Familie und feuerten Kugeln auf ein Gebäude, in dem Frauen und Kinder schliefen.

Am 4. Oktober griffen Comuneros aus Nueva Palestina zwei Campesinos auf ihren Bohnenfeldern mit Gewehren an und vernichteten die Ernte.

Am 9. Oktober greifen Mitglieder der regierungsfreundlichen Gemeinde Nueva Palestina die Einwohner von Viejo Velasco Suarez an, zerstören ein Haus und verschleppen einen Angehörigen der Gemeinde.
Cronostart19.11.2006
Die Zapoteken, Mixes und Chinanteken rufen in einer gemeinsamen Erklärung dazu auf, eine neue Grundlage der oaxakenischen Gesellschaft zu schaffen.
Cronostart25.11.2006
7. Mega Demo. Die Regierung Ulises holt zum Schlag aus, um die Protestbewegung endgültig von der Straße zu verdrängen. Bevor die Demonstration die Innenstadt erreicht, beginnt ein brutaler Polizeieinsatz unter Verwendung von Schusswaffen. Über 200 Menschen werden von der PFP verhaftet, mehr als 100 Menschen gelten als verschwunden. Es kommt zu Misshandlungen und Folter.
Cronostart27.11.2006
Einem Student wird in den Magen geschossen, ein anderer verschleppt. Drei Lehrkräfte wurden aus den Räumen des Staatlichen Instituts für Öffentliche Bildung von Oaxaca verhaftet. An der Straßenkreuzung el Rosario werden weitere Menschen von paramilitärischen Gruppen verschleppt. Sarah Ilich Weldon aus Paris wird mit zwei weiteren Leuten auf offener Strasse verhaftet. Der Menschrechtsaktivist Alberto Tlacäl Cilia Ocampo wird verhaftet, schwer gefoltert, mit dem Tod bedroht und zur Unterschrift von ihn belastenden Aussagen gezwungen. Die Gefangenen vom 25. November werden in das Hochsicherheitsgefängnis von Nayarit verlegt, Anwälten und Angehörigen wird der Zutrit verweigert.
Cronostart28.11.2006
Die PFP macht Jagd auf ca. 100 Ausländer, die an den Protesten vom 25. November beteiligt gewesen sein sollen.
Cronostart29.11.2006
Die PFP räumt die letzte Barrikade der APPO in Oaxaca-Stadt. Der neue Präsident Calderón lässt keinen Zweifel daran, dass er auf eine harte Linie gegen die Opposition setzen wird. Sein wirtschaftsliberal und konservativ ausgerichtetes Kabinett wird vom als rechten Hardliner bekannten Gouverneur des Bundesstaates Jalisco, Francisco Ramírez Acuña als neuer Innenminister angeführt. Acuña trägt die politische Verantwortung für die Folter an Globalisierungskritikern, die 2004 nach einer Demonstration gegen den EU-Lateinamerika-Gipfel festgenommen wurden.
Cronostart30.11.2006
Die Untersuchungsbehörden setzen die Mörder des Indymedia Journalisten Brad Will - beide Gemeindepolizisten in Oaxaca - auf freien Fuss.
Cronostart01.12.2006
Mitarbeiter des mexikanischen Menschenrechts-Komitees für Verhaftete und Verschwundene melden, dass mindestens 200 politische Gefangene der Bewegung in Oaxaca auf verschiedene Gefängnisse in ganz Mexiko verteilt wurden, mindestens 100 Personen gelten als verschwunden.

Die LehrerInnen sind zum Grossteil in die Schulen zurückgekehrt, doch angesichts der Repression hat die LehrerInnengewerkschaft der Sektion 22 beschlossen, einen zweitägigen Streik von 25.000 LehrerInnen in grossen Teilen von Oaxaca durchzuführen.
Cronostart02.12.2006
Die EZLN ruft dazu auf, Oaxaca zu unterstützen. Die APPO antwortet: »Wir grüßen die EZLN und die Andere Kampagne und rufen beide dazu auf, gemeinsam die Einheit der Unzufriedenen, der Besitzlosen, der Verschiedenen, der Landlosen, der Obdachlosen zu stärken, damit wir wie ein einziger Mensch unseren gemeinsamen Feind besiegen können.

Brüder und Schwestern der EZLN, in Oaxaca haben die Verschwörung der Regierungen des Bundesstaates und des Landes (eine mit Blut besiegelte Verschwörung) die Forderung nach Gerechtigkeit zu einem Verbrechen gemacht und haben eine grausame Verfolgung unseres Volkes aufgenommen. Heute hat die APPO keinen Ort mehr, um sich zu versammeln, es gibt keine Straße in Oaxaca, wo man demonstrieren kann, ohne dass Compañeros im Gefängnis landen. Oaxaca ist in einem militarisierten Zustand. Das, Compañeros, schreckt uns nicht, es zeigt uns nur, wie gerecht unser Kampf ist. Die APPO befindet sich heute in der Dunkelheit der Nacht, wohl wissend, dass nicht viel fehlt, bis der Tag voller Licht anbricht.«
Cronostart04.12.2006
Wenige Stunden nach einer Pressekonferenz in Mexiko-Stadt werden der APPO-Sprecher Flavio Sosa und drei weitere Aktivisten des Bündnisses verhaftet. Ihnen wird Entführung, Raub, Körperverletzung und Sachbeschädigung vorgeworfen. In Oaxaca werden Schulen durch die Polizei gestürmt, um weitere Haftbefehle gegen Lehrer durchzusetzen.
Cronostart30.12.2006-02.01.2007
In Oventik findet das »Erste Treffen der Zapatistas mit den Völkern der Welt« statt. An vier Tagen wird in sechs Arbeitskreisen über die Fortschritte seit dem Aufstand und der Einrichtung der autonomen Regierungen berichtet, auf Fragen geantwortet und den Beiträgen der nationalen und internationalen TeilnehmerInnen zugehört. Etwa 4.000 Gäste aus über 30 Ländern aller fünf Kontinente werden von ebensovielen Zapatistas empfangen.
Cronobereich2007
Cronostart01.01.2007
Mitglieder der APPO und des COFADAPPO »Ausschuss der Verwandten von Verschwunden, Ermordeten und Eingesperrten« errichten Protestcamps vor den Gefaengnissen von Tlacolula de Matamoros und Miahuatlán de Porfirio Diaz (ca. 1.200 km von Oaxaca-Stadt entfernt). Sie fordern die Freiheit der politischen Gefangenen!
Cronostart03.01.2007
Einige Minuten von Oaxaca Stadt entfernt erobern Lehrer, Schüler und Eltern in St. Maria El Tule eine Schule zurück, die von PRI-Anhängern besetzt worden war. Kurze Zeit später kehren diese zurück und greifen die Schule mit Tränengas und Steinen an. Zwei Kinder werden verletzt.
Cronostart04.01.2007
Gefangene in Miahuatlán berichten, dass sie aufgrund des Protestcamps Todesdrohungen bekommen haben.
Cronostart05.01.2007
Vertreter der Triqui-Region aus Oaxaca geben bekannt, dass am 1. Januar 20 der 36 Gemeinden, die diese Region ausmachen, den Autonomen Landkreis San Juan Copala bildeten, der nach indigenen Bräuchen und Traditionen regieren wird.

In einer Pressekonferenz in der oaxakenischen Hauptstadt informiert Jorge Albino Ortiz, Sprecher des Autonomen Landkreises, dass mit dieser Entscheidung die Gewalt, die in diesem Gebiet entfesselt wurde, bekämpft werden soll, ebenso wie die Korruption zwischen den politischen Parteien und den Regierenden der vier oaxakenischen Rathäuser, von »denen wir uns unabhängig machen«.
Cronostart06.01.2007
Ricardo Ruiz Flores von der Brigada Sembrando Dignidad aus Mexiko Stadt, ein aktiver Anhänger der Anderen Kampagne, wird in San Cristóbal de las Casas auf dem Weg zum Büro der Enlace Civil Zapatista von vier unidentifizierten Männern brutal zusammengeschlagen und muss viermal operiert werden.
Cronostart13.01.2007
Vor dem Gefängnis von Miahuatlan wird eine Demonstration von mehreren Pick-Ups mit bewaffneten und vermummten paramilitärischen Kräften provoziert und bedroht. Nach Beendigung der Demonstration werden 5 Personen auf dem Rückweg geschlagen und festgenommen. Die Mahnwache vor dem Gefängnis in Miahuatlan wird gewaltsam aufgelöst, mindestens 7 AktivistInnen werden verhaftet.
Cronostart20.01.2007
Die Zivile Internationale Kommission zur Beobachtung der Menschenrechte (CCIODH) wirft der Regierung von Oaxaca eine systematische Verfolgung und Unterdrückung der sozialen Bewegungen in dem südmexikanischen Bundesstaat vor. Die unabhängige Kommission formierte sich im vergangen Dezember, nachdem schwere Übergriffe der staatlichen Sicherheitskräfte gegenüber sozialen AktivistInnen gemeldet wurden.

An der Menschenrechtskommission nahmen ca. 50 Personen aus Spanien, Frankreich, Italien, USA und Neuseeland teil, die über 400 Interviews mit Opfern von Gewalt, Angehörigen von ermordeten Personen, politischen Gefangenen, sozialen AktivistInnen, GewerkschafterInnen, AnwältInnen, Nichtregierungsorganisationen und staatlichen Institutionen führten.

Neben Gewaltakten wie willkürlicher Festnahme, Folter, Vergewaltigung, Entführung und Mord berichten sie über Eingriffe in elementarste Freiheitsrechte: Unterbindung der freien Meinungsäußerung und Versammlungsfreiheit, Störung der gewerkschaftlichen Organisation sowie Entzug des Rechtes auf Bewegungsfreiheit, Bildung und angemessene juristische Begleitung. Es handle sich um die Anwendung einer »juristischen, polizeilichen und militärischen Strategie«, so die CCIODH. Außerdem seien paramilitärische Einheiten mit Schusswaffen gegen friedliche DemonstrantInnen vorgegangen.
Cronostart25.01.2007
Ein Angriff von PRI-Anhaengern auf das kollektiv verwaltete Rathaus in der Gemeinde San Antonio im Bezirk Ocotlan von Morelos fordert 42 Verletzte. Am selben Tag greifen Anhänger der PRI Mitglieder der Gemeinde San Antonino de Velasco an und schlagen auf Emilio Santiago, Darío Campos und Abel Sánchez, Mitarbeiter von Radio Calenda, ein. Diesem Vorfall sind massive Todesdrohungen, Schließungen des Radios, Belästigungen und Entfführungen vorangegangen.
Cronostart11.02.2007
Mit scharfen Worten wehrt sich die EZLN gegen Vertreibungsdrohungen durch Paramilitärs sowie gegen illegale Holzschlägerungen und Drogenhandel unter Rückendeckung durch die offiziellen Regierungen. Auch die Räte der Guten Regierungen melden sich zu Wort.
Cronostart08.03.2007
100.000 Menschen beteiligen sich in Oaxaca an der 10. Megamarcha.
Cronostart10.03.2007
An der 19. Vollversammlung des Nationalen Indigenen Kongresses der Zentrum-Pazifik Region nehmen mehr als 200 Repräsentanten in Vertretung der indigenen Stämme und Nationen der Nahua aus Jalisco, Colima, Michoacán und Guerreo; der Coca aus Jalisco; der Ñahñú aus dem Bundesstaat México; der Triqui aus Oaxaca; der Amuzgo und Mixteken aus Guerrero, der Zoque aus Chiapas; der Huichol aus Jalisco, Nayarit und Durango; der Purépecha aus Michoacán und der Chichimeca aus Guanajuato teil.
Cronostart12.03.2007
In der Gemeinde Huitepec im Landkreis San Cristóbal wird zum Auftakt der zweiten Etappe der Anderen Kampagne ein neues ziviles Friedenscamp errichtet, um das autonome Naturschutzgebiet und die Gemeinde vor (staatlichem) Zugriff zu schützen.

Vor ein paar Jahren hat die Regierung einen Teil dieses Gebietes (inklusive des zapatistischen Dorfes) zum Naturschutzgebiet erklärt und damit gleichzeitig die Ansiedlung kriminalisiert, Anbau und Nutzung (auch nur zum Eigenbedarf der Anwohner) verboten, ohne dabei die Bewohner darüber zu informieren. Im September 2006 z.B. wurden zwei Compañeros angeklagt, weil sie »illegal auf föderalen Eigentum« (deshalb ein Delikt für die Bundesanwaltschaft) gesät hatten. Das Land wird den Bewohner durch den Staat entzogen, um es multinationalen Konzernen zur Verfügung zu stellen.

In einem ähnlichen Kontext steht die Errichtung eines Friedenscamps in Baja California, im Norden von Mexico. Dort wurden die Fangquoten für den Fischfang aus vorgeschobenen Gründen des Naturschutzes drastisch reduziert und die von Fischfang lebende Bevölkerung in ihrer Existenz bedroht, während der Fischfang für Konzerne weiterhin unreglementiert erlaubt ist.

»Viele haben heute ein Interesse daran, uns unserer Anhöhen, Berge und Quellen zu berauben. Zuerst nahmen sie uns unser Land in den Tälern, unser gutes Land und vertrieben uns in die Berge, wo die Böden schlecht sind; dort passten wir uns an und lernten zu überleben und zu sterben. In den Bergen, wie diesem von Huitepec, entwickelten wir uns wie ein indigenes Volk: Wir ernähren uns von den Bergen; wir trinken ihr Wasser und decken uns mit ihren Bäumen zu; wir heilen uns mit ihren Medizinpflanzen und durch Heilige Orte, an denen wir beten. Aber all dies taten wir stets in dem Respekt, den man einer Mutter entgegenbringt und deshalb ist unser Berg reich; eine Überfülle an Pflanzen, Tieren und vielem Wasser und genau deshalb wollen die transnationalen Unternehmen, mit der Unterstützung der schlechten Regierungen, ihn uns jetzt wegnehmen«.
Cronostart20.03.2007
Das Protestcamp der APPO in México-Stadt wird mit Knüppeln und durch Grenadiere geräumt. Seit dem 9. Oktober vergangenen Jahres hatten Mitglieder der APPO vor dem Senatsgebäude für ihre Forderungen protestiert.
Cronostart13.04.2007
Acht Männer mit blauen Polizeiuniformen, schwarzen Helmen, schusssicheren Westen und schweren Waffen stürzen sich auf David Venegas Reyes, schlagen ihn und verladen ihn auf ihren Kleintransporter. Sein Aufenthaltsort ist bis zum heutigen Zeitpunkt unbekannt.
Cronostart14.04.2007
Ein Anwalt des »Antirepressionskomitees 25. November« wird von Männern in Zivil angehalten, die sich als Polizisten ausgeben und nach seinen Papieren fragen. Da es mitten am Nachmittag ist, laufen viele Menschen zusammen und die geplante Entführung mißlingt.
Cronostart16.04.2007
Vor dem Lokal der indigenen Organisation Flor y Canto werden Militärfahrzeuge mit bewaffneten Soldaten stationiert. Das Lokal selbst wird von Personen in Zivil überwacht und Mitglieder der verschiedenen Polizeieinheiten patroullieren in der Strasse. Es ist unklar, ob es sich hier um Drohgebärden oder bevorstehende Verhaftungen handelt.
Cronostart04.05.2007
Mit der Forderung nach Bestrafung der Verantwortlichen für die Menschenrechtsverletzungen, die vor einem Jahr vom mexikanischen Staat gegen die Anwohner von San Salvador Atenco und Texcoco verübt wurden, nach der »bedingungslosen und umgehenden« Freilassung der 29 Personen, die sich infolge der Polizeieinsätze in diesen Bezirken weiterhin in Haft befinden, und nach der Aussetzung der Haftbefehle gegen die Anführer der Volksfront zur Verteidigung des Landes (FPDT), marschieren tausende Mitglieder dieser Bewegung und Anhänger der Anderen Kampagne vom Monument des Angel de la Independencia zum Gebäude des Regierungsministeriums.

»Heute bitten wir nicht um eine Minute des Schweigens, sondern um ein ganzes Leben des Kampfes« lautet eins von hunderten Spruchbanner der Atenco-Bewohner, die wie schon fünf Jahre zuvor − als sie gegen den Bau eines neuen Flughafens für Mexiko Stadt in ihrem Dorf kämpften − ihre Macheten gegen den Asphalt der Hauptstadt schlugen.
Cronostart05.05.2007
Während hunderte Anhänger der Anderen Kampagne mit einem motorisierten Protestzug von Mexiko Stadt zum Gefängnis von Santiaguito ziehen, werden Ignacio del Valle, Hector Galindo und Felipe Alvarez, drei der Anführer der Volksfront zur Verteidigung des Landes (FPDT) in Atenco, zu Gefängnisstrafen von jeweils 67 Jahren verurteilt.

»Wir wurden darüber in Kenntnis gesetzt, dass ein Gerichtsbürokrat gerade ein Strafurteil gegen unsere drei Compañeros von der FPDT verhängt hat, das sie zu mehr als 60 Jahre Gefängnisstrafe verurteilt. Wir als Zapatisten möchten lediglich sagen, dass dieser Gerichtsbürokrat äußerst naiv sein muss, denn diese Strafe wird keine 60 Jahre dauern. Schon lange vorher werden sich die Gefängnisse von Altiplano, Santiaguito, El Molino de las Flores und alle anderen des Landes öffnen, und alle politischen und Gewissensgefangenen werden freikommen. Sie werden nicht lange leer stehen, um danach Enrique Peña Nieto, Vicente Fox, Eduardo Medina Mora und diese ganze Bande von Schweinehunden aufzunehmen«, warnt Subcomandante Insurgente Marcos.
Cronostart08.05.2007
Calderón verfügt die »Enteignung« von 14.960 Hektar auf dem Gebiet der Lakandonen »für die Anlage eines neuen Schutzgebietes für die natürlichen Ressourcen und zu deren Schutz, Erhalt, Restauration und nachhaltiger Nutzung«. Die überaus erfreute Gemeinde der Lakandonen erhält dafür 58 Millionen Pesos. Ohne zu präzisieren wo das enteignete Landgebiet lokalisiert ist, soll es zu jenen Zonen gehören, »die aufgrund ihrer natürlichen Ressourcen einem starken Druck unterliegen«. Der Grund hierfür ist, dass die »Lakandonische Zone« ein hydrologisches System darstellt, das 53 % des Flussbeckens des Usumacinta umfasst, der mit dem des Grijalva der umfangreichste in ganz Mexiko ist, mit einem jährlichen Wasserlauf von durchschnittlich 85 Billionen Kubikmetern. Gemeinsam stellen sie 30 % der oberflächlichen Wasserreserven des Landes dar und generieren 56% des landesweit aus Wasserkraft erzeugten Stroms.
Cronostart16.05.2007
In einem Bericht an die Interamerikanische Kommission für Menschenrechte (CIDH) nimmt die Mexikanische Regierung Stellung zu dem Überfall auf die Gemeinde Viejo Velasco Suárez im Herbst vergangenen Jahres: »Am 13. November 2006 wurde ein Einsatz ausgeführt, unter Beteiligung von 5 Agenten der Generalstaatsanwaltschaft, 2 Sachverständigen, des Regionalkommandanten der Selva Zone der Staatlichen Ermittlungsbehörde und 7 seiner Untergebenen, sowie von 300 Elementen der Sektorpolizei, der Staatlichen Behörde für Öffentliche Sicherheit von Chiapas und eines Vertreters der Behörde für Soziale Entwicklung.« Im Zuge dieses Einsatzes wären den Beamten zwei leblöse Körper übergeben worden.

Nach Aussagen der Überlebenden wurde das Dorf gegen 6 Uhr morgens von etwa 40 Angreifern in Zivilkleidung gestürmt, gefolgt von etwa 300 Personen in Stiefeln und schwarz-blauen Uniformen, wie sie für die Sektorpolizei charakteristisch sind, die Waffen großen Kalibers trugen und teilweise ihre Gesichter verhüllt hatten. Weitere Augenzeugen berichten davon, daß die Strasse dieser Zone seit 3:30 Uhr morgens von einem Lastwagen der Sektorpolizei voller Polizeibeamten überwacht wurde.

Das Menschenrechtszentrum FrayBa beschuldigt den Mexikanischen Staat der Lüge und der Verantwortung für die Morde an Filemón Benítez Pérez, Antonio Mayor Benítez Pérez, María Núñez González und Vincente Pérez Díaz, das Verschwinden von Pedro Núñez Pérez, Mariano Pérez Guzmán, Miguel Moreno Montejo und Antonio Peñate López.
Cronostart14.06.2007
Das neu gegründete Dorf Diez de Junio (Veracruz) wird von der Polizei und bewaffneten Schützen der Familie Faisal zerstört, die BewohnerInnen werden gewaltsam von ihrem Land vertrieben, das die Faisals mit Unterstützung der Regierung Beltrán für sich reklamieren. Zehn indigene Nahua Campesinos der Organisation Dorados de Villa und auch der Menschenrechtsbeobachter Javier Islas Cruz werden verhaftet und gefoltert und erst drei Wochen später gegen Kaution aus dem Gefängnis entlassen. Weiterhin vermisst wird der indigene Repräsentant Gabino Flores Cruz, dessen Verbleib seit dem Tag der polizeilichen Repression unbekannt geblieben ist.

Wieder große Demonstration in Oaxaca: Die Menschenkolonne vom Flughafen der Landeshauptstadt ins Stadtzentrum, zu der die örtliche Lehrergewerkschaft und die Volksversammlung der Bevölkerung Oaxacas (APPO) aufriefen, erreicht zeitweilig eine Länge von etwa zehn Kilometern. Der Marsch erinnerte an den Polizeieinsatz vor einem Jahr, der damals einen Volksaufstand auslöste. Damit wird deutlich, daß die groß angelegte Imagekampagne nicht gegriffen hat und die Angst vor einer erneuten umfassenden Repression nachgelassen hat. Gleichzeitig läßt sich die gezielte Kriminalisierung seiner Gegner durch die Justizbehörden immer schwerer aufrechterhalten. Wegen Mangels an Beweisen fällt eine Anklage nach der anderen gegen tatsächliche und angebliche APPO-Mitglieder zusammen. Von ursprünglich über 200 Verhafteten sitzen nach weiteren Freilassungen in den vergangenen Wochen noch neun Personen im Gefängnis. Die Lehrergewerkschaft Oaxacas mit ihren knapp 70.000 Mitgliedern will am Wochenende entscheiden, ob sie kurz vor Ende des Schuljahres wieder komplett streiken wird.
Cronostart15.06.2007
40 Anhänger der Anderen Kampagne in Veracruz werden nach einer Pressekonferenz festgenommen und auf Lastwagen der Öffentlichen Sicherheit nach Chicontepec abtransportiert. Campesinos hatten letzten Sonntag ein Grundstück in Lomas del Dorado besetzt, von dem sie 23 Jahre zuvor von der Bundesarmee vertrieben wurden, und das Dorf 10 de Junio gegründet.

Die Indígenas der Organisation »Dorados de Villa« gaben bekannt, dass sie eine neue Etappe des landwirtschaftlichen Kampfes eröffnen würden, »weil sie der bürokratischen Verfahren und der ständigen Zusetzungen der Regierung müde sind«. Das Land, das sich im Besitz der Familie von Josefina Faisal Domínguez befindet, wurden vor Jahrzehnten den Gemeinden von Tzocohuite und Lomas del Dorado zugesprochen, aber niemals übergeben: »Wir holen unser Land zurück, das uns unrechtmäßig weggenommen wurde.«

Das Netzwerk »Vereint für Menscherechte« (RUDH) meldet: »Die Regierung von Fidel Herrera Beltán hält die Zone unter Belagerung. Unter dem Bruch der Dialogvereinbarung, eröffnete die Staatliche Polizei das Feuer, raubte und zerstörte Fahrzeuge und verschleppte mindestens 12 Personen, die gegenwärtig als vermisst gemeldet sind«. Die Campesinos wurden in die Bezirke Chicontepec und Benito Juárez und später in das Hochsicherheitsgefängnis in Aldama transportiert. Der Aktivist Javier Islas Cruz wurde aus seinem Wagen verschleppt und gilt seither ebenso wie Gabino Flores als verschwunden.
Cronostart18.06.2007
Lehrergewerkschaft und APPO errichten erneut ein Protestcamp auf dem Zocalo von Oaxaca. Wenige Stunden danach wird der Compañero Cesar Luis Díaz überfallsartig und ohne Haftbefehl festgenommen. Er ist Ratsmitglied der APPO, Repräsentant für die Küstenregion und außerdem Mitglied der lokalen Organisation »Komitee zur Verteidigung der indigenen Rechte in Xanica« (CODEDI-XANICA), von der weitere Aktivisten bereits seit Monaten unter konstruierten Anschuldigen im Gefängnis sitzen.
Cronostart05.07.2007
Die »Revolutionäre Volksarmee« (EPR) meldet sich mit einer Anschlagsserie auf Installationen des staatlichen Erdölkonzerns Pemex zurück: In den nördlichen Bundesstaaten Guanajuato und Queretaro wurden Gasleitungen in die Luft gesprengt und ein Treibstofflager in Brand gesteckt.

Die marxistisch-leninistische EPR galt Ende der neunziger Jahre als die schlagkräftigste und am besten bewaffnete Gruppierung der damals auf ein gutes Dutzend geschätzten Guerillagruppen im Land, bis sie durch militärische und geheimdienstliche Aktionen der Regierung zerschlagen sowie durch interne Auseinandersetzungen gespalten wurde.

Seit der Verhaftung von drei EPR-Mitgliedern am 25. Mai im Bundesstaat Oaxaca kündigte die EPR den Beginn einer Kampagne »landesweiten Störfeuers gegen die Interessen der Oligarchie und der illegitimen Regierung« an. Die Aktionen sollen so lange weitergehen, bis die drei Guerilleros lebend präsentiert werden.

Ursprünglich hatten der Pemex-Konzern und die Behörden versucht, den »Bruch« der Leitungen und die daraus resultierenden Großbrände mit technischen Unzulänglichkeiten zu erklären und als »Unfälle« zu deklarieren. Das in den Medien verbreitete EPR-Kommunique durchkreuzte diese Strategie.
Cronostart07.07.2007
Mitglieder von Nicht-Regierungs-Organisationen und Einwohnern von Viejo Velasco Suárez finden die möglichen Überreste von zwei der vier Indígenas, die am 13. November 2006 während eines bewaffneten Angriffs durch Comuneros des Dorfes Nueva Palestina entführt wurden. Die mexikanische Regierung, die von der Interamerikanischen Menschenrechtskommission (CIDH) um einen Bericht über den Fall ersucht wurde, hatte geantwortet, dass es in Chiapas kein gewaltsames Verschwinden gegeben habe und dass die vermeintlich Verschwundenen im Norden des Landes arbeiten würden.

Aufgrund der Untätigkeit der Behörden stellten die Hinterbliebenen gemeinsam mit Vertretern von Menschenrechtsorganisationen eigene Nachforschungen an und entdeckten etwa eine Stunde Fußmarsch vom Dorf Paraiso entfernt in einer Waldschneise einen Strick, mit dem die zwei Indígenas gefesselt worden waren, als sie fortgeschafft wurden. Später fanden sie einen Schädel, weitere menschliche Knochen, die halbverborgen im Gebüsch über ein Gebiet von 10 bis 15 m² verteilt waren, und Überreste der Kleidung von Miguel Moreno Montejo und Pedro Núñez Pérez.

»Der gehörte meinem Papa!«, rief Diego Moreno Vázquez aus, als ein schwarzer Gürtel mit einer Messerscheide auftauchte. Sofort holte er aus seinem Beutel ein hellbraunes Hemd hervor, um es mit jenem zu vergleichen, das halb vergraben gefunden wurde: »Meine Mama hat uns beiden das gleiche gekauft«, versicherte er.
Cronostart08.07.2007
Einwohner der Ortschaft Paraje la Ventana, größtenteils ehemalige PRI- und heute PRD-Anhänger, überfallen die Ambulanz der zapatistischen Klinik des Caracols von Oventic. Das Fahrzeug mußte aufgrund eines technischen Defekts nahe der Kreuzung von La Ventana anhalten, woraufhin sich zunächst ein betrunkener Mann näherte, den Fahrer angriff und die beiden Gesundheitspromotoren bedrohte. Die Ambulanz schaffte es, die Fahrt einige hundert Meter weit fortzusetzen, als zwei Lieferwagen mit etwa 20 Männern aus La Ventana eintrafen, die den Fahrer und die Mechaniker, die den Wagen reparieren wollten, angriffen und beschuldigten, den Wagen, der der Klinik von Oventik im September 2005 von italienischen Compas gespendet worden war, gestohlen zu haben. Den Gesundheitspromotoren gelang es, ihre Patientin, die sich in äußerst kritischem Zustand befand, ins Krankenhaus von San Cristóbal zu schaffen.
Cronostart11.07.2007
Das Landwirtschaftliche Gericht (TUA) von Tuxtla Gutiérrez erklärt die Besetzung von Grundstücken, auf denen die Unterstützungsbasen der EZLN des autonomen Bezirks Vicente Guerrero leben und arbeiten, durch Mitglieder der paramilitärischen OPDDIC für unrechtmäßig.
Cronostart16.07.2007
Mehrere tausend Protestierende feiern wie im vergangenen Jahr während des friedlichen Volksaufstandes in Oaxaca ihre Guelaguetza »von unten« - aus Protest gegen die offizielle Veranstaltung des umstrittenen Gouverneurs Ulises Ruiz Ortiz. Gegen Mittag erreichen die Demonstranten eine Absperrung durch massive Polizeikräfte, die sich ihnen in den Weg stellen und sie mit Tränengas und Steinen beschießen. Offiziell kommt es zu 40 Festnahmen, darunter 6 Minderjährige und 4 Personen, die aufgrund ihrer Verletzungen in Krankenhäusern medizinisch versorgt werden.

Unter ihnen befindet sich auch Emeterio Medina Cruz, Mitglied der lokalen Bürgerorganisation zur Verteidigung der indigenen Rechte in Xanica (CODEDI-Xanica), einer der Gründungsorganisationen der APPO, der unverletzt von zwei Gemeindepolizisten verhaftet und Stunden später mit mehrfachem Schädelbruch und inneren Verletzungen ins Spital eingeliefert wird. Laut seinen Verwandten sind die Überlebenschancen trotz Notoperation gering.

Menschenrechtsorganisationen betrachten den Vorfall als ein neuerliches Zeichen der Dialogunfähigkeit der Regierung. Diese habe einmal mehr unverständlich und wider alle Vernunft exzessiven Gebrauch von der Gewalt gemacht.
Cronostart17.07.2007
65 Mitglieder der Ejido-Union der Selva (UES) überfallen die zapatistische Gemeinde 24 de Diciembre im Autonomen Bezirk San Pedro de Michoacán und richten am Zugang zu den Feldern in der Nähe des Militärcamps ein permanentes Lager ein. Sie fällen Bäume und rauben den Zapatisten mehr als 35 Holzbalken für den Bau von 12 Meter langen Häusern.

Der autonomen Gemeinde drohen sie mit der gewaltsamen Räumung. Zu diesem Zweck zählen sie auf die offensichtliche Hilfe der Bundestruppen, die auf einem Grundstück stationiert sind, das bis 1994 dem General und Ex-Gouverneur von Chiapas, Absalón Castellanos Domínguez gehörte. Die Ranch wurde infolge des Aufstandes von 1994 von den indigenen Rebellen befreit und Anfang 1995 besiedelt, aber die Campesinos wurden während der Offensive des damaligen Präsidenten Ernesto Zedillo gegen die EZLN und ihre Gemeinden von den Bundestruppen vertrieben und verfolgt.

Ende 2006 besetzten die Begründer von 24 de Diciembre ihre Grundstücke von El Momón erneut, nachdem sie ihrer Häuser, ihres Landes und ihrer Ejido-Rechte in Nuevo Momón durch die gleichen Mitglieder der UES beraubt wurden, die sie heute zu vertreiben beabsichtigen.

In der unmittelbaren Umgebung der zapatistischen Gemeinden hat sich auch ein Lastwagen der staatlichen Sektorpolizei eingenistet. Die Agenten sind mit gezogener Waffen an der Ausfahrt nach Matías Castellanos stationiert, während ein anderer Lastwagen der gleichen Polizei auf den Strassen der Umgebung kreuzt. Die Machtdemonstration ist also bereits in vollem Gange.

»Calderóns Plan ist es, die anderen Organisationen zu kaufen, um sich mit den Zapatisten zu streiten, aber wir werden nicht in seine Fallen tappen und Widerstand leisten, bis er selbst fällt. Das soll nicht angezweifelt werden, wir meinen das völlig ernst«, erklärten heute die autonomen Autoritäten, die weiterhin angaben, dass 58 Angehörige der UES gekommen waren um die Zapatisten von 24 de Diciembre zu provozieren.

Das Szenario einer potentiellen Konfrontation zwischen Indígenas verschärft sich zusehends, und es steht zu befürchten, dass die Gewaltandrohungen nach Abschluss des internationalen zapatistischen Encuentros im Caracol von La Realidad, in die Tat umgesetzt werden.

Die autonomen Autoritäten machen Gouverneur Juan Sabines Guerrero und den Bezirkspräsidenten von Las Margaritas, José Antonio Vázquez, für die Taten verantwortlich, beide Angehörige der PRD.

In einem Bericht des Zentrums für Politische Analyse und Soziale und Wirtschaftliche Forschung (CAPISE) werden die Hintergründe beschrieben: »Als die Bundesarmee ihre Angriff gegen die EZLN und ihre Unterstützungsbasen zu Luft, Land und Wasser startete, waren die 45 Familien von 24 de Diciembre (frühere Ejidobewohner von Nuevo Momón) gezwungen, in die Berge der Tojolabal Selva zu fliehen, um dem Militärangriff zu entkommen, nachdem sie das Land von April 1994 bis zum 9. Februar 1995 fast 11 Monate lang bearbeitet hatten. Die Familien von 24 de Diciembre fanden an einem weiter abgelegen Ort fünf Jahre lang Zuflucht, und als sie dort nicht länger bleiben konnten, wegen Mangel an Land, Holz und Häusern, wurden sie sieben Jahre lang von einem anderen Dorf aufgenommen. Diese Familien haben mehr als 12 Jahre lang als Kriegsvertriebene gelebt. Im Februar 1995, als der Angriff der Bundesarmee erfolgte, waren sie rechtlich gesehen alle Ejidatarios von Nuevo Momón.«

Am 24. Dezember 2006 teilten die zapatistischen Autoritäten die 525 Hektar befreites Land deshalb erneut 31 Familien zu, die auf ihr Land und zu dem, was von ihren Häusern übrig geblieben, war zurückkehrten. »Heute hat das Dorf eine Gesamtbevölkerung von 146 Personen, die erneut davon bedroht sind, zu Kriegsvertriebenen zu werden«, heißt es in dem Dokument weiter.
Cronostart20.07.2007
In Oventik wird das zweite Treffen zwischen den Zapatisten und den Völkern der Welt eröffnet. Einen Tag nach der Konferenz »Die Verteidigung von Land und Territorium vor der kapitalistischen Plünderung« in San Cristóbal de las Casas mit Ehrengästen wie der brasilianischen Bewegung der Landlosen (MST), den Landarbeiterbewegungen von Korea, Madagaskar, der Vereinigten Staaten und aus Europa, Asien, Afrika und Amerika bringt dieses Ereignis ein weiteres Mal Beobachter, Sympathisanten, Angehörige der Anderen Kampagne und Anhänger der Sechsten Erklärung aus dem Lakandonischen Urwald aus mehr als 80 Ländern zusammen. Eröffnet wurde es mit einer Diskussion zu Themen über die Volksbewegung von Oaxaca und über das nächste Indigene Encuentro, das im kommenden Oktober auf dem Stammesgebiet der Yaqui stattfinden wird. Nach Arbeitskreisen zu den Themen Gesundheit und Autonomie widmete sich das Treffen in Morelia dem Kampf ums Land.

»Die Feldarbeit ist unser Leben«, erklärte ein Landarbeiter aus Thailand, der von seinem Land vertrieben wurde, um Platz für die Eukalyptuspflanzungen transnationaler Konzerne zu machen. Der Widerstand breitete sich landesweit aus und verband sich mit jenem des Pagaqueyor Volkes aus dem Hochland, das im Namen des »Naturschutzes« von seinem Stammesgebiet verstoßen wurde.

Yudhvir Singh von der Bauernunion Bhartiya Kissan aus Indien (mit 300 Millionen Mitgliedern) erklärte: »Der Feind ist der Neoliberalismus. Unser Kampf gilt dem Überleben. Hier in Chiapas haben wir in diesen Tagen viel gelernt. Wir sehen, dass euer Kampf dem unseren ähnelt«.

»Unsere Bewegung kommuniziert mündlich, wie benutzen nicht einmal Bleistift und Papier. Alles muss in Versammlungen besprochen werden; das Instrument ist das Wort«. Die Bauern aus Indien folgen der Tradition von Gandhi: »Unsere Hauptwaffen sind der Ungehorsam und direkte Aktionen". Er erzählte, dass seine Organisation 2002 während des Treffens der Welthandelsorganisation in der Stadt Mumbai protestierte. Die Polizei nahm mehr als 71.000 Bauern fest, die sie natürlich bald wieder laufen lassen mussten. Aber die Gefangenen weigerten sich zu gehen, es sei denn, die Agenten erklärten sich bereit, auf ihrem Land zu arbeiten. Die Polizei akzeptierte dies nicht. »Also weigerten wir uns die Gefängnisse zu verlassen, und schafften es, den gesamten Raum der Polizeistation friedlich zu besetzen. Sie mussten Nahrung für mehr als 71.000 Gefangene herbeischaffen, und hinterher bezahlten sie uns die Rückreise zu unseren Bauernhöfen.«

Soraia Soriano, Leiterin der MST, berichtete über den Bauernkampf in Brasilien, der es ermöglichte, Land für 350.000 Familien zu gewinnen, und der die sozialen Beziehungen derer von Unten verändert hat, insbesondere der Frauen. Wie sie erklärte, »sind die Zapatisten für uns eine Quelle der Kraft gewesen. Sie sehen sich tausend Herausforderungen gegenüber. Sie sind ein ständiges Beispiel dafür, dass es möglich ist eine andere Form des Lebens zu errichten«.

Wie es Dong Uk Min von der Bauernliga von Korea ausdrückte: »Man kann alleine träumen, aber um einen Traum zu verwirklichen, muss er vielen gehören«.
Cronostart30.07.2007
Mit einer Großdemonstration feiert die APPO die Freilassung der letzten Gefangenen vom 16. Juli. Außer Emeterio Cruz, der immer noch im Koma liegt, befindet sich auch Raymundo Torres Velasco in lebensbedrohlichem Zustand. Er wurde am 16. Juli von Polizisten der PFP verhaftet, die einen öffentlichen Bus anhielten und sich über seinen physischen Zustand (er ist gehbehindert) lustig machten. Schließlich prügelten sie ihn, bis er einen Schädelbruch sowie innere Blutungen erlitt und das Bewusstsein verlor. Aus dem Spital des mexikanischen Roten Kreuzes musste er fluchtartig verlegt werden, da die Angehörigen seine Verhaftung fürchten.
Cronostart03.−06.08.2007
Auf dem Zócalo in Mexiko Stadt findet ein landesweites »tribunal popular« statt. Bei der Verhandlung werden drei Instanzen gebildet, welche die Situation und die Verantwortlichkeiten jener, welche die grundlegenden Menschenrechte verletzt haben, in Oaxaca, Salvador Atenco (Repression gegen Blumenmarkt und Selbstorganisation), Pasta de Conchos (Methangrubenunfall), Ciudad Juárez (Frauenmord), Sicartsa (blutig niedergeschlagener Stahlarbeiterstreik in Michoacan) und La Parota (Stauzielerhöhung in Guerrero) analysieren. Diese Instanzen sind: eine Volksanwaltschaft, deren Aufgabe es ist, die Beweise und Zeugenaussagen gegen die »Verbrecher gegen die Menschlichkeit« zusammenzustellen, ein Richter, welcher die vorgebrachten Elemente analysiert und ein Volkstribunal, welches die abschließende Entscheidung gegen die Verantwortlichen spricht.
Cronostart06.08.2007
Zwei Drittel der Stimmberechtigten enthalten sich bei den Wahlen in Oaxaca ihrer Stimme.
Cronostart11.−18.08.2007
Insgesamt sechs kleine Dörfer im Naturreservat Montes Azules, die sich weigern, den Wald zu verlassen, als das Amt für Landwirtschaftsreformen mit dem Umsiedlungsprozess beginnt, werden gewaltsam geräumt. Fünf weitere Niederlassungen sind von der Räumung bedroht, da sie sich auf den 36.000 Hektar Land befinden, die dem Biosphärenreservat kürzlich hinzugefügt wurden.

Mit mehreren Hubschraubern werden bewaffnete Polizisten in dunkelblau-schwarzen Uniformen eingeflogen, die die Menschen an den Haaren zerren und mit Gewalt aus ihren Häusern treiben. Ohne irgendeine Erklärung werden sie mit den Hubschraubern fortgeschafft, auf einen Lastwagen der Sektorpolizei verladen und am folgenden Tag in die Quinta [Landhaus] Santa Isabel gebracht im Barrio von Pamalá, Bezirk La Trinitaria, wo sie seither festgehalten werden.
Cronostart11.09.2007
Neun Campesinos werden von ungefähr 50 Einwohnern des Ejidos Agua Azul, Mitglieder der OPDDIC, mit Macheten, Schlägen und Schüssen angegriffen. Drei Zapatisten werden gefangen, mit Macheten und Fäusten geschlagen, mit der Ermordung bedroht und der örtlichen Polizei übergeben.

Ihr »Verbrechen«: Sie leben in der Gemeinde Bolom Ajaw, flussabwärts, an einem fast unberührten Ufer des beliebten Kurbadeortes Agua Azul. Der Zugang zu ihrer Gemeinde ist seit dem 5. September durch die OPDDIC mit einem Drahtzaun blockiert, wodurch es den zapatistischen Campesinos unmöglich ist, ihre Ernte einzuholen und frei zu verkehren.

Nachdem die entkommenen Zapatistas in Bolom Ajaw Alarm schlagen, sammeln sich etwa 40 unbewaffnete Zapatistas, um ihre Compañeros zu befreien. Um den Abtransport der Gefangenen zu verhindern, fällen sie zwei Bäume, um die Straße zu blockieren, und reissen den Strommast nieder, wodurch in Agua Azul alle Lichter ausgehen. Die Gefangenen werden schliesslich freigelassen und von ihren Compañeros in eine Klinik in Palenque gebracht.
Cronostart04.10.2007
Zum ersten Mal während der Anderen Kampagne wird der Wagen der Sechsten Kommission der EZLN mit Delegado Zero am militärischen Kontrollpunkt von Mazatlán, Sinaloa aufgehalten. Nach der Weigerung, sich durchsuchen zu lassen, konnte die Reise zum Treffen der Indigenen Völker in Vicam, Sonora nach größerem Zeitverlust fortgesetzt werden.
Cronostart11.−14.10.2007
In Sonora findet das erste Treffen der indigenen Völker von Amerika mit über 500 Delegierten von 67 indigenen Völkern statt. Im Mittelpunkt stehen die Kampfansage gegen das kapitalistische System und die Forderung nach echter Autonomie.
CronostartNovember 2007
Die Übergriffe der OPDDIC gegen die zapatistischen BewohnerInnen von Bolón Ajaw (Gebiet von Roberto Barrios) werden immer heftiger. CAPISE entsendet angesichts der gefährlichen Lage ein ziviles Beobachtungsteam.
Cronostart13.−17.12.2007
Im Gedenken an Andrés Aubry findet in San Cristóbal die Tagung »Planet Erde − Antisystemische Bewegungen« statt, bei der Marcos ankündigt, sich in nächster Zeit von der Öffentlichkeit zurückzuziehen, um sich auf seine Aufgabe als Oberbefehlshaber der EZLN zu konzentrieren: »Die Zeichen des Krieges am Horizont sind klar. Krieg, wie Furcht, hat einen Geruch. Und sein übel riechender Gestank ist auf unserem Land bereits zu verspüren«.
Cronostart22.12.2007
In der kleinen indigenen Gemeinde Acteal im Hochland von Chiapas versammeln sich über 1000 Menschen aus 21 Ländern, um des dutzendfachen Mordes zu gedenken, der in diesem Ort vor zehn Jahren von regierungsnahen Paramilitärs verübt wurde.
Cronostart29.12.2007−01.01.2008
In La Garrucha findet das erste zapatistische Frauentreffen statt. Über 1.000 Frauen der indigenen Gemeinden diskutieren ihre Erfolge und Schwierigkeiten seit Beginn des Aufstands. Männer sind nur außerhalb des Versammlungsraums zugelassen, um Brennholz zu holen, Essen zu kochen und sich um die Kinder zu kümmern.
Cronobereich2008
Cronostart13.01.2008
Ernesto Hernández Gómez von der Zapatistischen Unterstützungsbasis Ejido Santa Rosalía wird auf der Landstraße Comitán − La Trinitaria (wo er sich unerklärlicherweise befand) von einem Auto angefahren und getötet.

Der Rat der Guten Regierung von Morelia erklärt: »Sein Tod erfolgte nur, weil er an den Versammlungen teilnahm und seine Rechte gegen die Ungerechtigkeiten verteidigte, die im Ejido geschehen, und die Antwort, die er von den PRIistischen Kaziken erhielt, war der Tod«.

Die Staatsanwaltschaft nutzt die Gelegenheit, um am 22. Januar die Verhaftung zweier Familienangehöriger des Opfers anzuordnen. Sie werden von drei Unbekannten in einem schwarzen Lieferwagen ohne Autokennzeichen ergriffen und direkt in das Staatsgefängnis El Amate geschafft, wo sie eine Woche lang festgehalten werden.
Cronostart25.01.2008
Eine Spanierin, die im Mai 2006 in Atenco verhaftet und deportiert wurde, reicht vor dem spanischen Gericht Audiencia Nacional Anklage gegen Mexiko ein. Sie wirft der mexikanischen Regierung Folter vor und beruft sich auf die Prinzipien der internationalen Menschengerichtsbarkeit.

Am selben Tag werden sieben AktivistInnen nach 20 Monaten Haft vom Vorwurf der Entführung freigesprochen und entlassen, darunter Guillermo Selvas Pineda, der Arzt der »Anderen Kampagne« (er versorgte den schwerverletzten Studenten Alexis Benhumea) und seine Tochter und Assistentin Mariana Selvas Gómez. Bereits zwei Tage vorher wurden 53 Verfahren gegen Mitglieder der FPDT von Atenco eingestellt.
Cronostart01.02.2008
Eliseo Silvano Espinosa und sein Vater, die gerade eine Hütte für die Campamentistas der Menschenrechtsbeobachtung aufbauen, werden in der Gemeinde Betel Yochip’ von staatlichen Polizisten und zwei bewaffneten Unbekannten am Bein angeschossen und schwer zusammengeschlagen. Danach werden sie nach Palenque verfrachtet, im Polizeigebäude sieben Stunden lang gefoltert und gezwungen, sich Skimasken überzuziehen, Waffen zu halten und sich damit fotografieren zu lassen.

Nach heftigen Protesten durch Menschenrechtsorganisationen werden die beiden eine Woche später wieder freigelassen, sind durch die zugefügten Verletzungen jedoch schwer gezeichnet und traumatisiert.
Cronostart16.02.2008
Die 6. Delegation der Internationalen Menschenrechtskommission CCIODH präsentiert ihren Abschlußbericht: Vergangene Empfehlungen wurden nicht berücksichtigt, die Straflosigkeit von Beamten und Paramilitärs besteht weiter, zahlreiche neue Fälle von systematischen Menschenrechtsverletzungen wurden aufgedeckt.
Cronostart22.−24.02.2008
Repräsentanten und Autoritäten der indigenen Völker der Nahuas, Triquis und Mixtecos bereisen das autonome zapatistische Gebiet. Sie überzeugen sich von der Funktionsweise der JBG und bestätigen die »Aggressionen, Drohungen und Angriffe« von Seiten der Regierung.
Cronostart26.02.2008
Im autonomen Bezirk Vicente Guerrero kommt es erneut zu Übergriffen von 3 OPDDIC-Mitgliedern gegen die BewohnerInnen des 1994 besetzten Landes durch dessen angebliche »Besitzer«.
Cronostart28.02.2008
2.000 OPDDIC-Mitglieder treten in Ocosingo aus dieser Organisation aus und schließen sich dem CNC (Nationaler Campesinoverband der PRI) an. Ein Zeichen der Schwächung aufgrund der weltweit anhaltenden Proteste gegen die OPDDIC-Aggressionen oder lediglich eine weitere Maskerade?
Cronostart02.03.2008
Neun indigene Gefängnisinsassen und Mitglieder der Gefangenenorganisation »Die Stimme von Los Llanos« schließen sich dem unbegrenzten Hungerstreik an, der von Zacario Hernández und 13 weiteren Gefangenen geführt wird, ihrerseits Mitglieder der Gefangenenorganisation »Die Stimme von El Amate«. Damit befinden sich nun 22 indigene Gefangene im Hungerstreik. Sie fordern Gerechtigkeit und Freiheit.

Zacario schreibt an Gouverneur Juan Sabines: »Ich für meinen Teil habe beschlossen, in einen Hungerstreik zu treten, der am 12. Februar beginnt und auf unbestimmte Zeit fortgeführt wird. Damit möchte ich meinen Kampf zum Ausdruck bringen, in der Hoffnung, dass meine Freilassung und die meines Bruders Enrique und meines Freundes Pascual so schnell wie möglich angeordnet wird. Falls keine positive Antwort erfolgt, wird meine Familie einen Sarg bringen, um mich an meinem Geburtsort zu begraben«.

Mit dem Beitritt der »politischen Gefangenen« der »Stimme von Los Llanos« greift der Streik nun auch auf das Gefängnis von San Cristobal über. Der dramatische Protest der Tzeltal- und Tzotzil-Häftlinge in den Tälern und im Hochland von Chiapas macht die Ungleichheit der Rechtssprechung deutlich und wirft Licht auf die allgemeinen Zustände, denen indigene Gefangene im ganzen Land unterworfen sind: »Als Indígenas und Arme werden unsere Menschenrechte immer wieder verletzt. Man denke nur an die willkürlichen Verhaftungen, die Verurteilungen ohne ordentliche Gerichtsverfahren, die Hinrichtungen und Folterungen aus reinem Vergnügen«.

Mit dieser Aktion versuchen Tiburcio Gómez Pérez, Pedro Guadalupe Enríquez Santiz, Julio César Méndez Luna, José Luis Gómez Morales, Diego Rodríguez Hernández, Guadeloupe Gómez Cruz, Manuel Ruiz Hernández, Antonio Ruiz Pérez und Mario Jiménez López, ihre »Unschuld zu demonstrieren, weil uns durch Folter Delikte untergeschoben wurden, um uns für schuldig zu erklären. Weil wir arm sind, werden wir ignoriert. Für die Reichen gibt es »Gerechtigkeit«, durch die bestehende Korruption«.
Cronostart03.03.2008
Militante PRI-Anhänger aus vier Gemeinden von Huitepec fordern die Intervention des Bürgermeisters Mariano Díaz Ochoa aus San Cristóbal, um die Unterstützungsbasen der EZLN zu vertreiben, die das lokale ökologische Gemeindereservat schützen.
Cronostart11.03.2008
Der kollektive Hungerstreik der indigenen Gefangenen in den Strafanstalten von Chiapas weitet sich auf insgesamt 36 Gefangene in fünf verschiedenen Gefängnissen aus. Die Gefangenen von Catazajá erklären, sie seien fälschlich schwerer Delikte (Entführung, Erpressung und Mord) beschuldigt worden, da sie als Zapatistas den Interessen der regierungsnahen Paramilitärs der OPDDIC im Wege standen.

Sie werfen dem Gefängnisdirektor und Gouverneur Juan Sabines »unablässige Misshandlung« vor: »Die Wachen kommen zu dem Ort an dem wir unseren Hungerstreik durchführen, und konsumieren dort Lebensmittel, damit wir uns schlecht fühlen. Sie haben versucht, uns zu unterwerfen, uns den Zugang zur Toilette zu verbieten und uns an einen anderen Ort zu verlegen, wo sie die Schläge und die Misshandlung weiterführen können«.
Cronostart14.−15.03.2008
In Oaxaca Stadt findet das »Forum für die bedingungslose Freilassung aller politischen Gefangenen des Landes« statt. Neben Erfahrungsberichten von Ex-Häftlingen und Vertretern sozialer Organisationen aus dem Umfeld der Otra Campaña Tabasco & Chiapas gibt es eine Fotoausstellung, Zeitungsartikel und Hintergrundberichte, um darauf hinzuweisen, dass weiterhin viele Personen unter fadenscheinigen Begründungen in Haft sitzen und die soziale Repression nicht aufgehört hat. Der letzte Tag des Forums dient den Familienangehörigen und dem engeren Umkreis der Gefangenen zur besseren Vernetzung, dem Erfahrungsaustausch und der Besprechung des weiteren Vorgehens. Auffällig die Zurückhaltung der Polizei, die die zahlenmäßig kleine Abschlußdemo (inkl. Graffitti-Sprayer) unbehindert gewähren lässt.
Cronostart18.03.2008
Ein erster Erfolg des Hungerstreiks in den chiapanekischen Gefängnissen: Zacario Hernández wird freigelassen, 360 weitere Fälle sollen überprüft werden.
Cronostart23.03.2008
Die dritte Solidaritätskarawane mit den Gemeinden in Rebellion sieht die zapatistischen Unterstützungsbasen »einer bedrohlichen Situation von Angriffen, Plünderungen, Rechtsverletzungen, falschen Beschuldigungen und Landenteignungen ausgesetzt«. Nach Abschluss einer zehntägigen Rundreise durch 12 Gemeinden und die fünf zapatistischen Caracoles, bestätigen sie, dass »Gefahr für die physische Integrität« der EZLN Unterstützungsbasen besteht, da »vollständig oder teilweise bewaffnete Gruppen, sowie Polizisten, Elemente der Bezirks-, Staats- und Bundesregierungen völlige Straffreiheit genießen«.
CronostartEnde März 2008
Militarisierung in Ciudad Juarez. Nach der Ermordung des Bauernführers Armando Villareal Martha und der Verhaftungen zweier MenschenrechtsverteidigerInnen (Cipriana Jurado Herrera und Carlos Chavez) übernehmen 2.500 Soldaten die Aufgaben der Polizei. Das Verteidigungsministerium gibt außerdem bekannt, dass die »Organisation Carillos Fuentes« angeblich beabsichtigt, das Militär dadurch zu verunglimpfen, dass Mitglieder ihrer Organisation sich als Soldaten tarnen, um Überfälle und Massenvergewaltigungen durchzuführen und das Militär in Verruf zu bringen. Menschenrechtsorganisationen warnen vor der Verharmlosung des Drogenkartells als »Organisation«, wodurch noch dazu auch soziale Organisationen zumindest diskursiv in die Nähe des Drogenhandels gerückt werden. Durch die Stellungnahme des Verteidigungsministeriums wird jede Kritik am Militär zu einer Unterstützung der Drogenmafia, jede künftige Menschenrechtsverletzung durch Militärs kann auf angebliche »falsche Militärs« abgeschoben werden.
Cronostart31.03.2008
Als Ergebnis der Mitte März eingerichteten Arbeitsgruppe »Versöhnung« werden 137 indigene Gefangene von der Regierung in Chiapas freigelassen, darunter auch 29 Hungerstreikende, die ihren Protest unter immer größeren gesundheitlichen Problemen wie Bluterbrechen und Organschädigungen 38 Tage lang aufrecht erhalten hatten. Die Freigelassenen schließen sich sofort dem Protestcamp der Angehörigen in Tuxtla an, um auch die Freilassung der übrigen zapatistischen Gefangenen zu fordern. Der Hungerstreik wird auf Ersuchen von Bischof Samuel Ruiz abgebrochen.
Cronostart08.04.2008
Auf dem Weg zum Treffen der indigenen Organisationen in Oaxaca Stadt werden die Compañeras Teresa Bautista Merino (24 Jahre) und Felícitas Martínez Ramírez (20 Jahre) mit Schusswaffen ermordet. Zwei weitere Erwachsene und ein dreijähriges Kind, die im gleichen Auto unterwegs sind, werden verletzt. Die beiden Ermordeten waren Redakteurinnen des Lokal-Radios »Die Stimme, welche das Schweigen durchbricht« im autonomen Bezirk San Juan Copala, der im Januar 2007 in der Folge des Aufstandes der APPO gegründet wurde.
Cronostart09.−10.04.2008
In Oaxaca findet das »Foro Estatal por la Defensa de los derechos de los Pueblos de Oaxaca« (Bundesstaatliches Treffen zur Verteidigung der Rechte der Bevölkerung von Oaxaca) unter dem Titel »La lucha sigue hasta vencer por una Oaxaca libre« (Der Kampf geht weiter bis zu einem freien Oaxaca) statt. Der grundsätzlichen Kritik des offiziellen Staates, der ökonomischen Ausbeutung und systematischen Unterdrückung folgt der Aufruf zur Zusammenarbeit, zur Bildung einer Allianz unabhängig von den politischen Parteien, ohne Bürokratie und FührerInnen, aufgebaut von unten, in der sich Frauen und Männer gegenseitig respektieren, die hilft, sich der Repression entgegenzustellen. Nur eine starke APPO kann sich der Unterdrückung entgegensetzen.
Cronostart27.04.2008
Polizeiüberfall auf das Dorf Cruztón, ca. zwei Stunden südlich von San Cristobal im Bezirk Venustiano Carranza. Das Land dieser Gemeinde wurde den DorfbewohnerInnen im Jahr 1988 quasi als Entschädigung für hunderte Jahre Sklavendienst durch den früheren Großgrundbesitzer vermacht, von der Regierung jedoch ebenfalls beansprucht und von den legitimen BesitzerInnen am 5. Mai 2007 besetzt. Gegen 5 Uhr Morgens stürmen bewaffente Polizisten das Dorf und treten die Haustüren der BewohnerInnen ein, um alle Männer, die nicht rechtzeitig fliehen konnten, zu verhaften. Doch beim Abtransport der Gefangenen stellen sich die Frauen des Dorfes den Polizisten in den Weg. Als einer von ihnen ein Gewehrlauf an den Kopf gehalten wird, antwortet sie: »Schiesst nur, wenn ihr wollt. Eines Tages müssen wir sowieso sterben, und wenn schon, dann sterben wir hier wenigstens für die Freiheit unseres Volkes.« Schließlich werden alle Männer freigelassen, und die Polizisten ziehen wieder ab.
CronostartAnfang Mai 2008
Gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Viehzüchtern und konkurrierenden Drogenbanden fordern in Guerrero 17 Tote. Ziel der Angriffe ist insbesondere der Präsident der Viehzüchtervereiningung Rogaciano Alba Álvarez. Der PRI-Politiker verkörpert die Affinität zwischen Drogenhandel, Oberschicht und Politik: Er ist verbandelt mit der Familie Figueroa (Gouverneure in den 70ern und 90ern, polit. Drahtzieher des Massakers von Augas Blancas), Auftraggeber von lokalen Paramilitärs in der Costa Grande, mutmaßlicher Hintermann der Ermordung der Menschenrechtsanwältin Digna Ochoasowie und selbst mit im Drogenhandelgeschäft.

Die Menschenrechtsorganisation SIPAZ berichtet von der zum Zerreissen angespannten Situation, die leicht in massive politische Gewalt kippen kann, ganz besonders angesichts der bevorstehenden Wahlen im Oktober.
CronostartMai 2008
Edgar Millán Gómez, Chef der mexikanischen Bundespolizei, fällt einem Mordanschlag zum Opfer. Vier weitere hochrangige Polizisten sterben ebenfalls im Kugelhagel der Drogenmafia. In Villa Ahumada, einer Gemeinde an der Grenze zur USA, desertiert die gesamte Polizei aus Angst, umgebracht zu werden. Seit Anfang des Jahres sind dem Drogenkrieg rund 1.400 Menschen zum Opfer gefallen. Calderón hat 25.000 Soldaten und Bundespolizisten für den Kampf gegen die Drogenbanden aufgeboten.
Cronostart19.05.2008
Eine Kolonne von 11 Fahrzeugen und etwa 300 schwer bewaffneten Militärs überfällt das Dorf San Jerónimo Tulijá, offizieller Bezirk von Chilón und Autonomer Zapatistischer Bezirk in Rebellion Ricardo Flores Magón, dringt in mehrere Häuser ein und verlässt das Dorf drei Stunden später, um sich direkt am Eingang zu positionieren.
Cronostart22.05.2008
Im Caracol von Morelia kommt es bei einer Auseinandersetzung zwischen Zapatistas und PRI-Leuten mit Stöcken und Steinen zu ca. 30 Verletzten auf beiden Seiten. Es gab Schüsse in die Luft. Die Lage ist extrem angespannt. Auslöser war, dass den Zapatistas der Strom abgestellt worden war, weil die PRIistas eine Entschädigung für das Land fordern, auf dem das Caracol steht. Entsprechende Verhandlungen mit den Zapatistas sind jedoch gescheitert.

Am Samstag kamen mehr als 600  Zapatistas aus der Umgebung ins Caracol, sie stellten die Stromzufuhr  wieder sicher und bewachen seither das Caracol.

Allein in der vergangenen Woche sind damit insgesamt 18 (ACHTZEHN!) Gemeinden in drei Regionen von Militär- und Polizeiübergriffen betroffen gewesen.
Cronostart25.05.2008
Etwa 100 Soldaten überfallen das Dorf Laguna del Suspiro.
Cronostart04.06.2008
Etwa 200 Provokateure der mexikanischen Armee dringen in den Morgenstunden zunächst in das Caracol von La Garrucha ein und marschieren anschließend auf das Dorf Hermenegildo Galeana zu, dessen BewohnerInnen sie beschuldigen, Marihuanapflanzungen zu betreiben. Durch den heftigen Widerstand vertrieben, überfallen die Soldaten auch noch San Alejandro, wo sie ebenfalls von der Dorfbevölkerung vertrieben werden. Sie drohen, in zwei Wochen wiederzukommen und sich dann nicht aufhalten zu lassen.
CronostartJuni 2008
Calderon friert Preise für 24 verarbeitete Lebensmittel ein. ZU der Liste gehören Thunfisch, Sardinen, Pfirsichkonserven, drei Sorten Spaghetti-Sauce, Erdbeermarmelade, Bohnen in Büchsen, Catchup, gefriergetrocknete Petersilie, löslicher Kaffee, Shrip-Suppe, Knoblauchsalz und zwei Sorten Pfeffer. NICHT DAZU gehören Tortillas, Öl zum Kochen/Braten, Mais, Reis, Zucker, Trockenmilch, Weizenmehl, Brot, Fleisch, Eier, Käse oder Gemüse.
Cronostart02.07.2008
Video-Aufnahmen mit folterähnlichen Szenen führen zu einem Aufschrei in der mexikanischen Öffentlichkeit. Die Szenen entstanden in der Stadt León bei einem Kurs eines US-Ausbilders mit mexikanischen Polizeikräften.
Cronostart22.07.2008
Die BewohnerInnen des Dorfes Cruztón südlich von San Cristóbal werden ein weiteres Mal von Polizeikräften angegriffen, als sie versuchen, ihre Wasserquelle zu reinigen und ihre Felder zu bearbeiten. Mehrere EinwohnerInnen der Gemeinde werden durch Schläge verletzt, ein älterer Mann wird vom anwesenden Staatsanwalt einen Hügel hinuntergestoßen und erleidet Schädelverletzungen. Mindestens ein Kind wird durch eine abgefeuerte Tränengaskartusche verletzt, und sogar ein unabhängiger Menschenrechtsbeobachter, der mexikanische Lehrer Víctor Manuel Escobar, wird attackiert und festgenommen. Nachdem Goldvorkommen in der Region vermutet werden, möchte die Regierung den zapatistischen Einfluß zurückdrängen und das Dorf von seinem Land vertreiben.
CronostartJuli 2008
Der scheidende Direktor des Zentrums für Nationale Sicherheit (Cisen), Guillermo Valdés, warnt: Die Rauschgiftkartelle in Mexiko sind im Begriff, »die Macht im Land zu übernehmen«. Calderón gehe zwar mit Härte vor (davon zeugen 4.000 Tote seit Amtsantritt vor knapp 2 Jahren), doch der Kampf gegen die Mafia sei nur mit militärischer Härte nicht zu gewinnen, warnt Edgardo Buscaglia, UN-Berater für organisiertes Verbrechen.

Die organisierte Kriminalität habe in Mexiko solche Ausmaße angenommen, weil der Staat schwach sei und »explizite oder taktische Allianzen« zwischen Politik, Unternehmern und dem Verbrechen existierten. Der Staat müsse nicht nur die bewaffneten Teile der Kartelle ins Visier nehmen, sondern auch die Finanznetze zerstören und die Korruption in Politik, Justiz und Polizei unterbinden. Doch da tue die Regierung zu wenig.
CronostartJuli/August 2008
Eine Solidaritätsdelegation von 320 Personen aus Europa, Nord- und Südamerika besucht die zapatistischen Gemeinden im Widerstand. Zahlreiche Treffen finden unmittelbar in den Basisgemeinden der EZLN statt. Die zapatistischen Kräfte würden »angesichts der Barbarei des Kapitalismus und seines neoliberalen Modells« wieder Hoffnung auf eine gesellschaftliche Alternative geben, heißt es auf einer abschließenden Pressekonferenz der Aktivisten in San Cristóbal de Las Casas.

Ziel der internationalen Delegation war es, das Schweigen über die staatliche Repression im Süden Mexikos zu durchbrechen. Am 5. August hatten Delegierte etwa die zapatistischen Siedlungen Hermenegildo Galeana und San Alejandro besucht, die einen Monat zuvor von der Armee überfallen worden waren. Gravierender als die physischen Attacken ist nach Angaben der EZLN der »ökonomische und ideologische Krieg« gegen die Gemeinden. Mit staatlichen Entwicklungsprogrammen und gezielter Desinformation versuchten Regierungsvertreter, die EZLN-Basis zu spalten. Über Finanzierung von Saatgut oder Baumaterial würden Bewohner der Regionen im Süden bestochen.

Gemeinsam mit den ausländischen Gästen wurde schließlich am 8. August der fünfte Jahrestag der autonomen Selbstverwaltung gefeiert. EZLN-Kommandeur Moisés bekräftigte das Regierungskonzept der zapatistischen Autoritäten: »Wer bei uns regiert, muß der Bevölkerung gehorchen«. Subcomandante Marcos, Sprecher und Militärchef der EZLN, rief zu einer verstärkten Zusammenarbeit linker Basisorganisationen weltweit auf.
Cronostart21.08.2008
Urteilsverkündung gegen jene FPDT-Aktivisten, die 2006 in Atenco verhaftet wurden: Ignacio del Valle, Anführer der FPDT, wird wegen angeblicher Entführung zu 45 Jahren Gefängnis verurteilt, die sich zu der Haftstrafe von 67 Jahren und 6 Monaten summieren, zu denen er in einem vorherigen Prozess verurteilt worden war, und die er im Gefängnis von Altiplano abbüßt. 10 weitere Aktivisten werden zu jeweils 31 Jahren, 10 Monaten und 15 Tagen Gefängnis verurteilt. Noch am selben Abend kommt es zu Demonstrationen und Solidaritätsbekundungen vor dem Gefängnis.
Cronostart15.09.2008
Wie überall in Mexiko versammeln sich am mexikanischen Nationalfeiertag tausende Menschen am Hauptplatz, um am traditionellen »Grito de la Independencia« teilzunehmen. Unbekannte werfen zwei Handgranaten in die feiernde Menge, töten 8 Menschen und verletzen über 100. Regierung und Medien sprechen von »einem Akt des Narcoterrorismus« und fordern schärfere Maßnahmen – zusätzlich zu den 36.000 Soldaten, die sich bereits im »Kampf gegen die feigen Verrätern des Vaterlandes« (Calderón) befinden, wird die Einführung der Todesstrafe bis zum unbeschränkten Einsatz der Armee zur Wiederherstellung der Ordnung gefordert. Für Calderon kommt dieser Anschlag zumindest zu einem günstigen Zeitpunkt, da er ihm innenpolitisch Luft und seiner »Politik der Härte« Unterstützung in der Bevölkerung verschafft.
Cronostart02.10.2008
Vierzig Jahre nach dem Massaker von Tlatelolco gedenken rund 30.000 Menschen der Opfer und fordern eine vollständige Aufklärung. Bei den Protesten in der mexikanischen Hauptstadt werden 20 Menschen festgenommen und 18 Polizisten leicht verletzt. Die Auseinandersetzungen beginnen, als Studenten versuchen, öffentliche Gebäude mit Graffiti zu bemalen. Wenige Tage vor Eröffnung der Olympischen Spiele 1968 hatten Polizei, Armee und unbekannte Bewaffnete das Feuer auf tausende Studenten eröffnet, die friedlich im Stadtteil Tlatelolco demonstriert hatten. Bis heute ist nicht einmal die genaue Zahl der Opfer bekannt.
CronostartNovember 2008
Berta Muñoz, auch bekannt als Doctora Escopeta, kehrt nach zwei Jahren Exil nach Oaxaca zurück, obwohl es keinerlei Garantien für ihre Sicherheit gibt. In einer sehr persönlichen, berührenden Ansprache begründete sie Exil und Rückkehr. Die Ärztin war 2006 auf den Barrikaden und in den Marchas fuer die medizinische Betreuung verantwortlich und animierte als Radiomacherin aus dem besetzten Radio Universidad die Leute, den Kampf weiterzuführen, als die PFP die Stadt Oaxaca in Beschlag nahm. Sie galt deshalb als wichtiges Sprachrohr der Bevölkerung, die sich in der APPO artikuliert und ist eine der verschiedenen AktivistInnen, die nach der Repression vom 25. 11. 2006 ins Exil gehen mussten.

Zu ihrer Rückkehr siehe das sehenswerte Videointerview von mal de ojo (10 min., spanisch mit englischen Untertiteln). Zu Bertas Arbeit in Radio Universidad siehe u.a. Eine Geschichte des Widerstands.
Cronostart03.10.2008
In Chincultik nahe der berühmten Lagunas de Montebello verüben lokale Polizeieinheiten ein Massaker, bei dem 6 Indígenas sterben, darunter drei Verletzte, die mit einem Gnadenschuss hingerichtet werden.

Hintergrund ist der Streit um die Nutzung der archäologischen Stätte, welche von der Dorfbevölkerung vor einem Monat mit dem Argument besetzt wurde, dass sie von den Behörden vernachlässigt werde und dass die Gemeinde zuwenig von den Einnahmen erhalte. Eigentlich waren Verhandlungen mit der chiapanekischen Regierung im Gange, um den Konflikt zu lösen. Die letzte Verhandlungsrunde fand am 2. Oktober statt, doch einen Tag darauf dringen mehrere hundert Polizisten (PFP und PEP, bundesstaatliche und föderale Einheiten unter Militärkommando) in die Zone ein, räumen diese und dringen auch in das Dorf ein, wo sie Tränengas auch gegen die Schule einsetzten, worauf die Bevölkerung sich mit Stöcken und Macheten (aber ohne Schusswaffen) wehrt und 77 Polizisten gefangennimmt und entwaffnet. Im Verlaufe der weiteren Eskalation gibt es über 20 Schussverletzte und zwei Tote. Drei Schwerverletzte werden vom Bewohner eines Nachbardorfes mit seinem Auto abtransportiert, um sie ins Spital zu fahren. Die Polizeieinheiten halten das Fahrzeug auf, töten die drei Schwerverletzten mit einem »Gnadenschuss« und exekutieren den Fahrer vor den Augen seiner Ehefrau. Einem der Schwerverletzten stechen sie zudem ein Auge aus.

Dieses brutale Massaker ist im Kontext der Kriminalisierung der sozialen Bewegungen zu sehen, die sich im Rahmen der Militarisierung und der »Terrorbekämpfung« zuspitzt.
CronostartOktober 2008
Militäreinsatz gegen den Lehreraufstand in Morelos. Die Situation ist kritisch, gleichzeitig weitet sich die Solidarität durch die oppositionelle CNTE aus, es gibt Demonstrationen in 12 Bundesstaaten, darunter Oaxaca, Guerrero, Chiapas und DF. Der direkte Einsatz des Militärs mit Schützenpanzern gegen LehrerInnen und Bevölkerung in Xoxocotla ist ein beunruhigender qualitativer Schritt in der Kriminalisierung der sozialen Bewegungen.
Cronobereich2009
CronostartEnde Dezember 2008/Anfang Januar 2009
In den zapatistischen Gemeinden wird mit dem »Festival der würdigen Wut« der 15. Jahrestags des Aufstands gefeiert. Das zweiwöchige Festival hatte in Mexiko Stadt begonnen, war auf rebellischem Gebiet fortgesetzt worden und geht auf dem Gelände der CIDECI, der Universität der Erde in San Cristóbal, zu Ende.

Kleinbäuerliche und indigene soziale Bewegungen wie die weltweit operierende Organisation »Via Campesina« oder der »Nationale Indigene Kongreß« (CNI) aus Mexiko weisen auf die Notwendigkeit einer auf regionalen Produkten basierenden Ernährung der Menschen und der Abkehr von der exportorientierten Sachzwanglogik des Weltmarkts hin.

Sylvia Marcos, feministische Aktivistin aus Mexiko, hebt hervor, dass der Widerstand der in der EZLN organisierten Frauen erheblich dazu beigetragen hat, dass sich der urbane, akademische Feminismus und der der kämpfenden bäuerlich-indigenen Frauen einander annähern konnten.

Ein weiteres Thema des internationalen Treffens ist neben alternativen Formen von Kultur die Kritik an den herrschenden Medien und die Suche nach einem ethischen Journalismus »von unten für unten«.

John Holloway, Soziologe und Autor des Buches ‚Die Welt verändern ohne die Macht zu übernehmen’, betont die Notwendigkeit der Gesellschaften, sich aus ihrer Opferrolle im kapitalistischen System zu befreien, um deutlich zu machen, dass sie »nicht Opfer sondern Menschen sind. Es reicht! Wir werden nichts von niemandem erbitten, wir werden nicht auf die Zukunft hoffen, weil sie nicht einfach so kommt. [...] Wir werden auf eine andere Art leben, die sich weder dem Kapital anpasst noch den Anforderungen der kapitalistischen Produktion unterwirft. Nicht nur durch Demonstrationen, sondern indem wir eine andere Sache aufbauen und die Welt, die wir schaffen wollen, schon jetzt leben. Die ZapatistInnen kämpfen, während sie schon in der Welt leben, die sie erschaffen wollen und die weit über die Welt des Kapitalismus hinausgeht.«

Darüber hinaus stellt er bei seiner Betrachtung der internationalen Finanzkrise dar, dass diese auf zwei Arten erklärt werden kann: »Die scheinbar offensichtlichste Erklärung ist, die Verantwortung für die Krise dem Kapitalismus zuzuschreiben und gleichzeitig [...] mehr Arbeitsplätze und Unterstützungsleistungen für die Armen zu fordern und für die Durchsetzung dieser Forderungen auf Führungspersönlichkeiten zurückzugreifen. Die andere Art und Weise mit der Krise umzugehen ist zu sagen, dass es so einfach nicht ist: Wir selbst tragen durch unsere Rebellion die Verantwortung für die Krise. Die Existenz des Kapitals ist abhängig von einer immer absoluteren Unterwerfung im Rahmen der damit einhergehenden entfremdeten Arbeitsverhältnisse. Und die momentane Krise resultiert aus den Wellen der Widerspenstigkeit und Gehorsamsverweigerung der letzten 40 Jahre.«

Raúl Zibechi unterstreicht die Entstehung einer neuen Generation sozialer Bewegungen. Dies geschieht zur selben Zeit, in der die Regierungen an Einfluss und Legitimation verlieren, weil sie Versprechen gegenüber der Bevölkerung weder konkret ausgestalten noch umsetzen: »Jedes Mal, wenn ‚los de abajo’ (»die von unten«) vorherrschende Formen der Dominanz brechen, treten andere, verfeinerte und mehr ausgearbeitete Dominanzstrukturen hervor.«

Am Morgen des dritten Tages des ‚Ersten weltweiten Festivals der würdigen Wut’ werden die Stimmen der Menschen gehört, die von Repression in Mexiko betroffen waren und sind. Diese Repressionen sind, so Bárbara Zamora, »ein von der Macht organisierter Akt, um mit Gewalt die politischen und sozialen Aktionen sowie die Verteidigung der Ressourcen und Ländereien der Gemeinden aufzuhalten und zu bestrafen«.

Für die politischen Gefangenen ist jeder Tag im Gefängnis »unbeschreiblich«: nicht nur wegen der entwürdigenden Tatsache, wegen der Verteidigung ihres Landes eingesperrt zu sein, sondern auch wegen der Qual, getrennt von ihren Familien und Kindern zu sein, die jedes Mal, wenn sie sie besuchen, unzähligen Demütigungen ausgesetzt sind. »Aber sie genauso wie wir müssen den Kampf fortsetzen« erklären die politischen Gefangenen: »Wir geben uns nicht auf, unter Genossen teilen wir unsere Wut und tiefe Verärgerung. Die Macht hat uns erschüttert: an einem Tag Vertreibung und am anderen Tag Mord, Folter und Schläge. Sie tun so, als ob wir nicht atmen, als ob wir nicht unser Recht ausüben, zu denken und als ob wir uns der Paranoia und der Angst unterwerfen«.

Xaureme Candelario, Führungspersönlichkeit der Huichol aus der Gemeinde Santa Catarina in Jalisco, klagt in seinem Redebeitrag die bundesstaatliche Regierung von Emilio González (PAN) an. Mit Hilfe der Nationalen Kommission für die Entwicklung der Indigenen Völker (Comisión Nacional para el Desarrollo de los Pueblos Indígenas) wird beabsichtigt, die Gemeinden, die sich dem Bau einer Strasse widersetzen, zu spalten. Dies geschieht durch Angebote für Baumaterialien und Gemeindeprojekte im Wert von 50 Millionen Pesos.

Bei dem Treffen tritt nach einem Jahr medialer Abwesenheit auch Subcomandante Marcos, Sprecher und Militärkommandeur der EZLN, wieder auf, der die Gelegenheit nutzt, die politische Situation und die Politik der EZLN und weiterer außerparlamentarischer Gruppen aus dem direkten Umfeld zu erläutern. Marcos ruft die anwesenden Aktivisten dazu auf, trotz aller Differenzen einen parteiunabhängigen linken Kampf »gegen den Kapitalismus und für die Menschheit« zu führen. Gleichzeitig bittet er die Anwesenden, nicht nach einer Homogenisierung der sozialen Bewegungen zu streben: »Machen wir aus unserer Stärke keine Schwäche. Dass wir so viele und so verschieden sind, wird uns erlauben, die sich nähernde Katastrophe zu überleben und etwas Neues aufzubauen«.
CronostartAnfang Januar 2009
In der ersten Januarhälfte kommt es zu drei Auseinandersetzungen zwischen Zapatistas und anderen Bauernorganisationen. Zwei Dutzend Personen werden dabei verletzt. Die Konflikte eskalieren insbesondere um die Kontrolle über »ökotouristische« Tourismusattraktionen. Die Aktionen der Zapatistas begannen nach dem Massaker von Chinkultik vom 3. Oktober, wo sechs (nicht-zapatistische) Dorfbewohner nach der Räumung einer besetzten archäologischen Stätte von der Polizei ermordet wurden. Auch der Zugang zu den Ruinen von Palenque wird Anfang Januar für ein paar Stunden von Zapatistas besetzt.
Cronostart11.01.2009
Der APPO-Aktivist Ruben Valencia Nunez wird am Weg zum politisch-kulturellem Zentrum »CASOTA« im Zentrum von Oaxaca Stadt von drei Angreifern schwer verletzt. Ruben erleidet mehrere Stichwunden im Hals- und Gesichtsbereich. Dieser Angriff stellt nur die Spitze des Eisberges da und folgt einer langen Reihe von Aggressionen, Einschüchterungen und Verhaftungen gegen Genossen aus den sozialen Bewegungen in den letzten Monaten. Er demonstriert die autoritäre und illegale Strategie des Staates und den Beginn einer neuen, gefährlichen Form von staatlicher Repression, ausgeführt von paramilitärischer Polizei, Paramilitärs und Verbrechern im Dienst der schlechten Regierung von Ulizes Ruiz Ortiz im Stil des schmutzigen Krieges.
Cronostart11.01.2009
Der politische Gefangene Abraham Ramírez Vásquez wird von einem schwer bewaffneten Polizeitrupp aus dem Gefängnis in Pochutla, Oaxaca, mitgenommen und taucht erst zwei Tage später im Gefängnis von Miahuatlán wieder auf. Abraham ist führendes Mitglied des Comité por la Defensa de los Derechos Indigenas en Xanica (CODEDI-Xanica) – einer dörflichen Organisation zur Verteidigung der indigenen Rechte und befindet sich seit Jänner 2005 in Haft. Damals war er zusammen mit Noel und Juventino Garcia Crúz bei der Verrichtung einer Gemeinschaftsarbeit in seinem Dorf von einem Polizeitrupp angeschossen und wegen angeblichem Mord an einem Polizisten, Entführung und schwerer Körperverletzung verhaftet worden. Trotz eindeutig entlastender Beweise befinden sich die drei CODEDI-Mitglieder seitdem in Untersuchungshaft, d.h. seit nunmehr über vier Jahren.
Cronostart04.02.2009
 Ein Gutachten des Obersten Gerichtshofs stellt schwere Rechtsverletzungen bei der Polizeiaktion in Atenco fest: Der Einsatz der Staatsgewalt war disproportioniert, ineffizient und unverantwortlich. Er erfolgte »auf exzessive, disproportionierte, ineffiziente, unprofessionelle und nachlässige Weise«.
Das Vorgehen der Behörden, so heißt es weiter, hat ein negatives Ergebnis, »da es Misstrauen gegen den Staat und Angst vor den Polizeibehörden schürt [.], die ihrerseits einen fruchtbaren Boden für Unsicherheit, Ungerechtigkeit und Straflosigkeit bereiten. Denn wer kein Vertrauen in seine Polizei und Institutionen der öffentlichen Sicherheit hat, wird auch nicht bereit sein, Verbrechen anzuzeigen, und noch viel weniger mit den Behörden zusammenarbeiten, um diese zu verhindern oder aufzuklären«.
Weiterhin wird gewarnt: »Es nützt nichts, dass unser Land die Menschenrechte in Gesetzen, Staatsverträgen und Diskursen anerkennt, wenn diese in der Realität verletzt werden − in diesem Fall von Staatsbeamten − und diese Verletzungen, auch wenn sie nicht auf institutionellen Befehl erfolgt sind, ungestraft bleiben und die Opfer keine Gerechtigkeit erhalten«.
In einer Aussendung kommentiert die FPDT (Volksfront zur Verteidigung des Landes) das Urteil folgendermassen:
»Bei den schweren Menschenrechtsverletzungen hat es sich nicht um die Tat einzelner Polizisten gehandelt, sondern um eine repressive Aktion im Rahmen einer Staatsstrategie. Das Gerichtsurteil dient somit dazu, die Einrichtung eines Polizeistaates zu legitimieren, wie es in dem wiederholten Einsatz der mexikanischen Armee und der Polizeikräfte in dem so genannten Krieg gegen das Verbrechen zu sehen ist, sowie in der Konfrontation mit den sozialen Bewegungen, bei der Strategien der Aufstandsbekämpfung eingesetzt werden, um die Bevölkerung zu kontrollieren und zu versuchen, Organisationen wie die Volksfront zur Verteidigung des Landes in Atenco zu vernichten. Mit diesem Urteil wird bestätigt, dass es sich bei der Repression um nichts anderes handelt als um eine Bestrafung der Bevölkerung von Atenco, als eine Bestrafung für unseren Kampf für Land, Gerechtigkeit und Freiheit. [...] Dieses Gerichtsurteil zeigt die Nutzlosigkeit dieses Regierungsorgans und die beschränkte reflexive Fähigkeit seiner Richter.«
CronostartEnde Februar 2009
 Die Zapatistas denunzieren neue Überflüge und eine Militäraktion in den Altos von Chiapas, unweit von San Andres Larrainzar, die unter dem Vorwand von Anti-Drogen-Operationen durchgeführt werden. »Man sieht ganz klar, die Regierung hat den Plan, Krieg gegen uns zu führen«, so die ZapatistInnen. »Wenn die Armee kommt und die Marihuanapflanzen der Paramilitärs sucht, dann reißen sie immer nur die größten Pflanzen aus, lassen den Rest aber stehen. Sie kommen, um selbst zu ernten. Sie wissen genau, wohin sie gehen müssen, wem welches Grundstück gehört. Diejenigen, die wirklich Marihuana anbauen, bleiben auf freiem Fuß«, beschreibt das Kommuniqué der Guten Regierung die Abläufe vor Ort.
Cronostart04.03.2009
 Marcelino Coache wird in Oaxaca von Personen in Polizeiuniform entführt und gefoltert (Marcelino ist Gewerkschafter und ehemaliger Sprecher der APPO und war sechs Monate in Haft). Tage darauf wird Marcelinos Sohn auf der Straße bedroht und verfolgt. Weitere Übergriffe gibt es auch von Seiten des Militärs: So wird ein Bauer bei einer Kontrolle ins Koma geprügelt, ein Händler an der Küste stundenlang gefoltert.
Cronostart22.03.2009
 Rund 1500 Polizisten versuchen vergeblich, eine nächtliche Razzia im Großgefängnis El Amate durchzuführen, müssen wegen der massiven Gegenwehr der Gefängnisinsassen aber wieder abziehen. Am Tag darauf beginnen acht indigene Gefangene einen Hungerstreik. Sie sind in den Campesinobewegungen OCEZ und MOCRI organisiert. Ebenfalls wird die Freiheit des Lehrers Alberto Patishtán Gómez gefordert, der seit 2000 wegen mehrfachen Polizistenmordes sitzt, obwohl er ein klares Alibi hat und aus Rache lokaler Politiker eingekerkert wurde. Früher der PRI angehörig, ist der Tzotzil im Gefängnis zu einem Mitglied der politischen Gefangenengruppe »Voz de El Amate« geworden.
Cronostart23.03.2009
 Die beiden ehemaligen ERPI-Guerilleros Gloria Arenas Agis und Jacobo Silva Nogales − heute Angehörige der »anderen Kampagne« − sollen weiter in Haft bleiben. Gloria und Jacobo befinden sich wegen »Rebellion« seit neun Jahren in Haft und haben diese Strafe nun eigentlich abgesessen. Anstatt der Freilassung droht die Regierung Calderón nun jedoch mit einer neuerlichen Anklage wegen »illegaler Assoziation«.
Cronostart24.03.2009
 In Guerrero findet eine breite Demo gegen Menschenrechtsverletzungen und Verleumdungen durch die Regierung statt. In den letzten Wochen wurden mindestens sechs Personen vom Militär zum Verschwinden gebracht, darunter ein einfacher Arbeiter aus Tlapa, der seit dem 7. Februar verschwunden ist. In einem anderen Militärüberfall wurden fünf Personen entführt, unter anderem ein Minderjähriger. Die »Koalition der sozialen Bewegungen und Organisationen« denunziert, dass die Verteidigung der Menschenrechte eine Aktivität mit hohem Risiko ist. Unsicherheit, Mafiagewalt und Militarisierung »sind Indikatoren dafür, dass die dunkelste Epoche zurückkehrt: der schmutzige Krieg«. Die US-Regierung stellt weitere 185 Millionen Dollar bereit, um im Rahmen des »Plan Mérida« Militär- und Polizeihilfe an Mexiko zu leisten, meist über US-Firmen. »Der Präsident Barack Obama bewundert den Mut und die Entschlossenheit seines Amtskollegen Calderón in der Konfrontation und Zerstörung der Drogenkartelle. Wir stehen Schulter an Schulter mit ihm in diesem Kampf«, tönt es aus dem Weißen Haus.
Cronostart07.04.2009
 In Tuxtla Gutiérrez werden fünf Männer (Mitglieder der Bauernorganisation MOCRI-CNPA-MN) festgenommen, nachdem sie eine Protestaktion vor dem örtlichen Gefängnis organisieren, in dem ihre Familienangehörigen aufgrund falscher Anschuldigungen festgehalten werden. Die Polizei durchsucht auch die Büros der Organisation und beschlagnahmt Computer, Dateien und Akten, Büromaterial und Geld. Während der Haft werden sie geschlagen, brutal an den Haaren gezogen und bedroht.
Cronostart08.04.2009
 Im Gefängnis von El Amate kreuzigen sich zwei Häftlinge aus Protest gegen Folterungen während ihres Verhörs. Die beiden Männer binden einander auf Holzkreuze, die sie in der Gefängniswerkstatt gezimmert haben, lassen sich Nägel durch die Hände treiben und erst am Abend von Mitgefangenen wieder losbinden.
Die beiden gehören zu einer Gruppe von 23 Mitgliedern einer Landwirte-Gewerkschaft, die seit zwei Wochen für ihre Freilassung und die Wiederaufnahme ihres Falls demonstrieren. Sie wurden gefoltert, um ihnen Mordgeständnisse abzuringen. Eine Woche davor hatten sich bereits vier der Häftlinge die Lippen zugenäht, acht weitere befinden sich seit zwei Wochen im Hungerstreik.
Cronostart14.04.2009
 Sechs Männer der zapatistischen Gemeinschaft aus San Sebastián Bachajón im Verwaltungsbezirk Chilón werden in Ocosingo festgenommen, als sie gerade Einkäufe tätigen, in die Hafteinrichtung »Quinta Pitiquito« gebracht, gefoltert und gezwungen, Erklärungen zu unterschreiben, die sie nicht verstanden.
Cronostart15.04.2009
 Nachdem noch zwei weitere Campesinos der Anderen Kampagne festgenommen werden, organisieren über 100 Aktivisten und Familienangehörige eine Straßenblockade auf der vielbefahrenen Landstraße zwischen Ocosingo und Palenque an der Kreuzung, die zu Agua Azul führt. Die Aktivisten verlangen eine Abgabe und informieren die Autofahrer über den Hintergrund ihrer Blockade.
Cronostart17.04.2009
 800 Polizisten marschieren auf, woraufhin die Blockade freiwillig aufgelöst wird. Trotzdem greift die Polizei die Demonstranten an, zerstört das kleine Kassenhäuschen der oppositionellen Bauern und entwendet neben Dokumenten und Kleidung 115.000 Pesos; ein enormer Betrag für die bitterarmen Campesinos der Region.
In rund 20 Tageszeitungen werden von der Regierung gleichlautende Artikel veröffentlicht, die die Bauern der »Anderen Kampagne« als gewalttätige Kriminelle abstempeln. Das Menschenrechtszentrum Fray Bartolomé de las Casas und zahlreiche Gruppen der »Anderen Kampagne« betrachten die Repression als gefährliche Provokation gegen die EZLN und ihr Umfeld und fordern die sofortige Freilassung der Gefangenen.
Hintergrund des Konfliktes sind Versuche, immer mehr bäuerliches Gemeinschaftsland zu privatisieren, um den lukrativen Tourismus in dieser Region auf Kosten der indigenen Gemeinden auszubauen.
Cronostart11.06.2009
 Eine Delegation von mexikanischen Menschenrechtsorganisationen denunziert die sich rapide verschlechternde Menschenrechtslage in Mexiko in der 11. Sitzung des UNO-Menschenrechtsrates. Insbesondere werden willkürliche Verhaftungen, Folter und das Verschwindenlassen von AktivistInnen in den Staaten Guerrero und Oaxaca angeklagt. Diese Repression finde zudem mit einer institutionalisierten Straflosigkeit statt, die insbesondere auch das Militärs geniesse.
Cronostart20. & 21.06.2009
 327 Delegierte aus 13 verschiedenen Ländern Lateinamerikas sowie BeobachterInnen aus Europa nehmen im Caracol von Morelia am »1. Treffen gegen die Straflosigkeit« teil. Sie kritisieren die staatlichen Justizsysteme als Instrument der kapitalistischen Herrschaftsklasse und betonen die autonome Organisierung von unten.
CronostartMitte Juni 2009
 Der Menschrechtsaktivist Diego Cadenas Gordillo, Leiter des Menschenrechtszentrums Fray Bartolomé de Las Casas (Frayba), wird mehrere Tage lang von Männern in Autos mit getönten Scheiben und ohne Nummernschilder verfolgt und fotografiert.
MenschenrechtsaktivistInnen, denen man auf diese Weise folgte, wurden schon häufig Opfer von Angriffen. Übergriffe werden nur halbherzig untersucht, das übliche Ergebnis solcher Untersuchungen ist Straffreiheit.
Cronostart05.07.2009
 Bei den Parlamentswahlen erleiden PAN (28%) und PRD (12%) ein Debakel. Gewinner sind die PRI (37%) und die rechtskonservativen Grünen, die gemeinsam die absolute Mehrheit der Sitze erringen.
Die ungültigen Stimmen verdoppeln sich auf 6% (in Mexiko Stadt sogar mehr als 10%). Fast 60% der WählerInnen gehen gleich gar nicht zur Wahl.
Cronostart10.07.2009
 Im südmexikanischen Bundesstaat Campeche werden fünf Aktivistinnen und Aktivisten der »Anderen Kampagne«, die an der friedlichen Bewegung gegen die überteuerten Stromgebühren teilnehmen, gewaltsam festgenommen. Die Bewegung beteuert, dass die angeblichen Vergehen von der staatlichen Föderalen Kommission für Elektrizität (CFE) »fabriziert« wurden und die Festnahmen daher völlig illegitim sind. Zudem gibt es Haftbefehle gegen über 20 weitere Aktivistinnen und Aktivisten, insgesamt könnten 250 Personen von juristischer Verfolgung betroffen sein. Aus Perspektive der sozialen Bewegungen stellt die aktuelle Repression seitens der Regierung einen Versuch dar, die rasch anwachsende Bewegung einzuschüchtern und zurückzudrängen.
Cronostart21.07.2009
 In Mitzitón eröffnen Vermummte aus einem Wagen heraus das Feuer auf die ansässigen Ejido-Bewohner. Der Tzotzil-Campesino Aurelio Díaz Hernandez wird angefahren und getötet, fünf weitere Indígenas werden schwer verletzt. Die Angreifer gehören der »Armee Gottes« an, die von Pastoren der Kirche "Alas de Águila" geleitet wird.
Sie begreifen sich als »Soldaten«, deren Pflicht es ist, »das Wort Gottes zu verkünden«. Zu ihren Uniformen gehören grüne Militärkappen mit Rangabzeichen, Tarnhosen und Kampfstiefel. Sie führen Militärübungen durch, studieren die Heilige Schrift und stehen in enger Verbindung mit der PRD.
Bereits in den 80er Jahren wurden in Chamula etwa 30.000 Indígenas durch Kaziken vertrieben, deren Katholizismus den Alkoholkonsum als Teil des Gottesdienstes und die obligatorische PRI-Parteizugehörigkeit beinhaltete. Es gab blutige Morde, verwüstete Gehöfte und niedergebrannte Kirchen.
Cronostart13.08.2009
 Rund zwölf Jahre nach dem Massaker von Acteal werden 20 mutmaßliche Täter aus dem Gefängnis entlassen. Im ersten Prozess habe es juristische Fehler gegeben, urteilt das Oberste Gericht.
Vertreter der Indígenas kritisieren die Entscheidung und warnen vor einem Wiederaufflammen der Gewalt. Die Paramilitärs seien durch das Urteil gestärkt worden, sagt Sebastian Perez Vazquez, Sprecher der »Las Abejas«: »Die Überlebenden sind sehr enttäuscht und empört über die Freilassung der Paramilitärs, denn sie alle sind uns als Täter bekannt.«
Menschenrechtsvertreter bezeichnen den Entscheid des höchsten Gerichtes als Schritt von der »unperfekten Justiz hin zur perfekten Straflosigkeit«.

Gleichzeitig wird die offizielle Darstellung des Massakers von Acteal durch ein nun bekannt gewordenes Telegramm des US-Büros des Verteidigungsattachés in Mexiko an den Verteidigungsnachrichtendienst der USA (Defense Intelligence Agency - DIA) vom 4. Mai 1999 widerlegt. Diesem Telegramm ist zu entnehmen, dass die mexikanische Armee bereits Mitte 1994 vom Präsidenten autorisiert wurde, lokale indigene Gruppen zu bewaffnen und gegen die EZLN einzusetzen. Ein Netzwerk von Geheimdienstagenten wurde eingerichtet, um indigene Gemeinden zu infiltrieren und Informationen über zapatistische »Sympathisanten« zu sammeln. Diese Teams bildeten die Paramilitärs aus, sicherten ihnen aber auch Schutz vor Verhaftungen durch Polizei und militärische Einheiten in der Region.
Das DIA-Telegramm eröffnet zuvor unbekannte Details über die Zusammensetzung und Arbeitsweise dieser Teams, die »hauptsächlich aus jungen Offizieren ... sowie aus einigen ausgesuchten Feldwebeln, die die Dialekte der Region beherrschten,« bestanden und »aus drei bis vier Personen zusammengesetzt waren, die bestimmten Gemeinden zugeordnet wurden, um sie für einen Zeitraum von drei bis vier Monaten zu bespitzeln.« Danach wurden sie in andere Gemeinden in Chiapas versetzt.
Cronostart08.09.2009
 Der Rat der Guten Regierung von La Realidad stellt sich hinter die Companeros von Che Guevara, die von regierungstreuen Gruppen mit der Räumung bedroht und gewaltsam angegriffen werden: »Wir werden unser Land verteidigen!«.
Cronostart18.09.2009
Etwa 60 Männer und Frauen (Mitglieder der regierungsnahen »Organisation zur Verteidigung der indigenen und bäuerlichen Rechte – OPDDIC«) attackieren den Anwalt Ricardo Lagunes mit Steinen, Stöcken und Schusswaffen, als dieser sich nach einer Besprechung in der Gemeinde Jotolá auf den Heimweg machen will. Der Anwalt, der für das international renommierte Menschenrechtszentrum Fray Bartolomé de las Casas arbeitet, wird schwer zusammengeschlagen, kann jedoch fliehen, da ihm die Gemeindemitglieder zu Hilfe eilen. Bei der Befreiungsaktion schossen die Paramilitärs in die Menge und treffen den Tzeltal-Indigenen Carmen Aguilar Gómez aus San Sebastian Bachajón in den Oberschenkel.
Der Menschenrechtsanwalt Lagunes hatte sich in Jotolá aufgehalten, um mit den dort lebenden oppositionellen Kleinbäuerinnen und -bauern die juristische Situation zweier inhaftierter Dorfbewohner zu erörtern. Hintergrund der Auseinandersetzungen sind Landstreitigkeiten und umstrittene Entwicklungsprojekte in der Region. Sowohl die chiapanekische als auch die mexikanische Bundesregierung fördern Monokulturen, Autobahnen und Tourismusprojekte in Zusammenarbeit mit multinationalen Konzernen, ohne die jeweils betroffenen Gemeinden zu konsultieren.
Cronostart10.10.2009
Präsident Calderón löst die staatseigene »Zentrale Licht- und Stromgesellschaft« (LFC) auf, entlässt über 41.000 gewerkschaftlich organisierte Arbeiter und schafft so de facto die Gewerkschaft der Mexikanischen Elektrizitätsarbeiter (SME) ab - angeblich wegen »zu teurem« Gesamtarbeitsvertrag, ineffizientem Service sowie Uneinigkeit über die Wahl des Gewerkschaftsbosses. Kurz nach Mitternacht wurden 91 der 103 Installationen der LFC von Truppen und Bundespolizei besetzt. Diese Gewerkschaft galt als eine der unabhängigsten und streitbarsten in ganz Mexiko.
Cronostart16.10.2009
Laut einem Bericht des UN-Menschenrechtshochkommissariats (UNHCR) wurden in Mexiko im Zeitraum Januar 2006 bis August 2008 128 MenschenrechtlerInnen Zielscheibe von Gewalt.
Cronostart29.10.2009
Gloria Arenas und Jacobo Silva Nogales (ehemalige Anführer der Guerilla ERPI) werden nach 10 Jahren Haft und jahrelangen intensiven, auch internationalen Protesten freigelassen. Gloria und ihr Ehemann Jacobo wurden im Oktober 1999 intern verraten, fälschlicherweise für den Tod eines Unbeteiligten während eines Gefechts zwischen dem ERPI und der Bundesarmee verantwortlich gemacht und in der Haft schwer gefoltert. Die beiden definierten sich selber immer als politische Gefangene und sind heute in der von den Zapatistas initiierten Anderen Kampagne organisiert.
Cronostart31.10.2009
Drei Jugendliche im Alter von 15 bis 17 Jahren werden in der Sierra Coyuca de Catalán ermordet. Die Burschen waren von ihrem Heimatort Puerto las Ollas aufgebrochen, um Dünger zu kaufen. Hintergrund der Morde ist, dass lokale Kaziken gemeinsam mit den Drogenkartellen und dem Militär die illegale Abholzung der Sierra betreiben. Die Bevölkerung, welche sich gegen den Raubbau an der Natur organisierte, lebt heute eingeschlossen in ihren Dörfern, die Männer schlafen in den Wäldern aus Angst vor nächtlichen Angriffen, ausgesät wird nicht mehr.
Cronostart14.11.2009
In einem Strategiepapier der Generalstaatsanwaltschaft entwirft diese die Thesse eines breiten »staatsfeindlichen« Netzwerkes, in dessen Mittelpunkt der katholische Pfarrer Jesús Landín Garciá und José Manuel Hernández Martínez, Leiter der OCEZ-Carranza, stehen sollen. Landín, so der Bericht, soll »in den marginalisierten indigenen Zonen volle Akzeptanz genießen, aufgrund seines radikalen Charakters und seines Diskurses der Ablehnung der festgesetzten Ordnung und der Regierungsinstitutionen«. Dazu kommen die üblichen schwachsinnigen Vorwürfe von »Drogenhandel und Menschenschmuggel«, mit denen die kürzlich erfolgten polizeilichen und militärischen Aktionen, Verhaftungen, Hausdurchsuchungen und Straßensperren in den Gemeinden von Carranza und den umliegenden Bezirken gerechtfertigt werden sollen, bei denen u.a. Martínez und andere soziale Aktivisten verhaftet und eingesperrt wurden.
Cronostart17.11.2009
Am 16. Jahrestag der Gründung der EZLN protestiert die Kirche von San Cristóbal gegen Verfolgung und Verleumdung von Seiten der Staatsregierung. Anhand der Erfahrungen in den Gemeinden erklären die Gesitlichen: »Der Grund der Verfolgung gegen die Kirche und die Gemeinden von Chiapas sind die Bergbaukonzessionen für ausländische Konzerne, um die unterirdischen Schätze auszubeuten« Weiters protestieren sie gegen die Einmischung von Polizeispitzeln bei Gottesdiensten.
Cronostart18.11.2009
In einem Interview nach zehn Jahren Isolationshaft erläutern die Ex-Guerrilleros der ERPI Jacobo Silva und Gloria Arenas ihre Sicht der mexikanischen Realität: Die sozialen Verhältnisse, die sie damals zur Aufnahme des bewaffneten Kampfes bewogen haben, bestehen ihrer Ansicht nach unvermindert weiter und haben sich zunehmend verschlechtert. Deshalb setzt der mexikanische Staat auf eine repressive Strategie und hat sich mit dem organisierten Drogenhandel verbündet, um die unmittelbar bevorstehende soziale Explosion in Mexiko aufzuhalten.
Cronospitze
Abkürzungen und Erklärungen
CCRI-CG
(Comite Clandestino Revolucionario Indigena - Comandancia General): Oberstes Entscheidungsgremium der EZLN, dem die von der Basis gewählten comandantes angehören. Dieses Gremium ist zivil und hat die politische Entscheidungsbefugnis über die militärischen Aktivitäten der EZLN.
CNI
(Congreso Nacional Indigena): Dachorganisation der neuen indigenen Bewegungen Mexikos. Entstand in der Folge der Mobilisationen anlässlich der Abkommen von San Andrés im Frühjahr 1996. Wurde offiziell am 10.10.1996 in Mexico City gegründet, in Anwesenheit der zapatistischen comandanta Ramona.
COCOPA
(Comision de Concordia y Pacificacion): Parlamentarische Arbeitsgruppe, zusammengesetzt aus allen Parteien, welche im Bundesparlament Fraktionsstärke besitzen: PRI, PRD, PAN, PT. Sie wurde im Februar 1995 gegründet und hatte eine Vermittlerfunktion in den Verhandlungen von San Andrés. Später übernahm sie die Rolle, die Verhandlungsergebnisse, die als Übereinkommen von beiden Seiten (Regierung und EZLN) unterzeichnet worden sind, in Form einer Gesetzesinitiative in das Bundesparlament einzubringen und so zu einer politischen Lösung des Konflikts beizutragen.
CONAI
Nationale Vermittlungskommission (lange Zeit unter Vorsitz von Bischof Samuel Ruiz).
consulta
Zapatistische Volksbefragung, an der sich 1999 annähernd 3 Mio. MexikanerInnen für die Anliegen der Zapatisten aussprachen.
EPR
(Ejercito Popular Revolucionario): Marxistisch-Leninistisch ausgerichtete Guerilla, welche ein Bündnis aus einem guten Dutzend kleiner Guerillagruppen bildet und in mereren südlichen Bundesstaaten Mexicos aktiv ist. Die EPR trat erstmals am 28. Juni 1996 anlässlich des einjährigen Gedenkens an das Massaker von Aguas Blancas, Guerrero in Erscheinung. Das politische Kommando hat die illegalisierte Partei PDPR (Partido Democratico Popular Revolucionario).
ERPI
(Ejercito Revolucionario del Pueblo Insurgente): So nennt sich die Mehrheit des guerrensischen EPR-Kommandos, das sich am 8.Januar 1998 von der EPR abspaltete, weil sie sich mehr auf das zapatistische Prinzip des mandar obedeciendo berufen und nicht Befehle der Zentralpartei PDPR befolgen wollen. Sie wurde erstmals breiter bekannt anlässlich des Massakers in El Charco (Costa Chica, Guerrero) vom 17.Juli 1999, als eine Versammlung ihrer zivilen Basis durch die mexikanische Bundesarmee attackiert und elf BewohnerInnen des Dorfes getötet wurden.
EZLN
(Ejercito Zapatista de Liberacion Nacional): Vorwiegend indigene Aufstandsbewegung in Chiapas, die 1983 als Selbstverteidigung gegen die pistoleros der Grossgrundbesitzer gegründet wurde. Sie trat erstmals mit dem Aufstand am 1.1.1994 in die Öffentlichkeit und ist inzwischen durch das Waffenstillstandsabkommen als Kriegspartei anerkannt. Die zivilen SympathisantInnen sind unter anderem im FZLN organisiert.
FZLN
(Frente Zapatista de Liberacion Nacional): Ziviler »Arm« der EZLN, in welchem vor allem Intellektuelle und Bewohner von Mexico Stadt organisiert sind.
mandar obedeciendo
(gehorchend befehlen): Sozusagen das Motto der zapatistischen Bewegung. Es drückt ihr Verständnis von Demokratie und Zusammenleben aus, in welchem der einzelne vor allem in seiner Rolle innerhalb der Gemeinschaft zählt.
MIRA
(Movimiento Indígena Revolucionario Antizapatista) Revolutionäre Indigene Anti-Zapatistische Bewegung: regierungsnahe, paramilitärische Gruppe.
NAFTA
(North American Free Trade Agreement): Freihandelsabkommen zwischen Kanada, USA und Mexiko. Trat am 1.1.1994 in Kraft.
NGO
(Non Governmental Organisation) Nichtregierungsorganisation: soziale Bewegung, unabhängig von oder im Gegensatz zur jeweiligen Regierung.
PAN
(Partido de Acción Nacional) Partei der Nationalen Aktion: ultrarechte, neoliberale Regierungspartei, hat die ersten freien Wahlen im Sommer 2000 für sich entschieden und stellt seither den Präsidenten.
Paz y Justicia
rechtsgerichtete paramilitärische Gruppe.
PRD
(Partido de la Revolucion Democratica): gemäßigt linke Oppositionspartei, entstand nach dem massiven Wahlbetrug anlässlich der Präsidentschaftswahlen von 1988. Stellt seit Sommer 2000 die Stadtregierung von Mexico-City.
PFP
(Policía Federal Prevetiva) Präventive Polizeitruppe, eigens zur Aufstandsbekämpfung eingerichtete Sondereinheit der Polizei mit stark militärischem Auftreten.
PRI
(Partido de Revolución Institucional) Partei der Institutionalisierten Revolution: durch massiven Wahlbetrug alleinherrschende und staatstragende Partei bis Sommer 2000.
San Andrés
Ort der Friedensverhandlungen 1995, wobei das »Abkommen zur Wahrung der indigenen Rechte und Kultur« unterzeichnet wurde, dessen Umsetzung bis heute nicht erfolgte und eine der Forderungen der EZLN an die Regierung ist, die Friedensgespräche wieder aufzunehmen.
UNAM
Nationale Autonome Universität Mexicos, Ort der Studentenstreiks im Jahr 2000, die schließlich durch brutale Polizeieinsätze und Massenverhaftungen beendet wurden.

Quelle hauptsächlich http://www.chiapas.at/

Vielen Dank für die Veröffentlichungsgenehmigung nach Österrreich.